Groß-Ziethen (Landkreis Barnim)

Robin Villain

Verwaltungszugehörigkeit

  • Uckermark (Stolpirischer Kreis) – bis 1815
  • Regierungsbezirk Potsdam / Kreis Angermünde – 1815/16 bis 1947
  • Kreis Angermünde – 1947 bis 1952
  • Bezirk Frankfurt (Oder) / Kreis Eberswalde – 1952 bis 1990
  • Kreis Eberswalde – 1990 bis 1993, Landkreis Barnim – ab 1993

Lage, Ortsname und Naturraum

Im heutigen Landkreis Barnim, in der historischen Uckermark gelegenes, großes Angerdorf an der Bundesstraße 198 zwischen Joachimsthal im Nord-Westen und Angermünde im Nord-Osten. Vermutlich eine Gründung der edlen Familie von Stegelitz wurde Groß-Ziethen wohl im Zuge der deutschen Ostsiedlung im frühen 13. Jahrhundert angelegt (Enders 2008, 50; Schlesinger 1975). Die etymologischen Wurzeln des Ortsnamens freilich sind im Urslawischen zu suchen: Von „Sitʼn“ herstammend – in den frühesten Urkunden ist von „Cythene“ (CDB, A XIII, Nr. XX), „magne Scyten“ (CDB, A XIII, Nr. LIV) oder „Cythene majorem“ (CDB, A XIII, Nr. LVI) zu lesen –, bedeutet „Ziethen“ so viel wie „Riedgras“, bzw. „Binsen“. Eine wohl nicht ganz zufällige Namenswahl, denn erstreckte sich um Groß-Ziethen noch bis in das frühe 19. Jahrhundert ein ausgedehnter Seebruch (Brandenburgisches Namenbuch 1996, 270).

In der Grundmoränenlandschaft des Parsteiner Beckens gelegen, sind die Böden hier durchzogen von fruchtbarem Geschiebelehm. Gute Ackerqualität und insgesamt günstige, klimatische Bedingungen schufen damit die Voraussetzungen für ertragreiche Landwirtschaft. Gen Westen, Süden und Osten schließen sich Talsandflächen mit zahlreichen Seen an, die ergiebigen Fischfang ermöglichen (Landeskunde 1909, 47ff; Dormeyer 1926, 30ff.). Am östlichen Rand der Schorfheide mit ihren weiten, forstwirtschaftlichen Nutzflächen und reichem Wildbestand gelegen, konnte das Dorf in vielerlei Hinsicht vom Überfluss des umgebenden, süd-uckermärkischen Naturraumes profitieren.

Groß-Ziethen als Klosterdorf (bis 1542)

Historisch greifbar wird Groß-Ziethen erstmals im Jahr 1275, als die Markgrafen Otto V. und Albrecht III. den Ort – vorbehaltlich seines Rückkaufs – an das Kloster Mariensee bei Chorin veräußerten (CDB, A XIII, Nr. XX); ins 13. Jahrhundert ist auch der Bau einer frühgotischen Feldsteinkirche mit eingezogenem Rechteckchor zu datieren (Ortslexikon 1986, 1168). Da 1319 ein erneuter Verkauf an das Kloster erfolgte, scheinen die Markgrafen von ihrem Rückkaufsrecht tatsächlich Gebrauch gemacht zu haben (CDB, A XIII, Nr. LIV). Schon 1320 übertrug dann der gewesene, markgräfliche Marschall und Ritter Redekin Groß-Ziethen abermals dem Kloster, wofür Fürst Heinrich II. von Mecklenburg, Herr von Stargard seine Bestätigung erteilte (CDB, A XIII, Nr. LV). Warum der Ort 1319/1320 gleich dreimal(!) den Besitzer wechselte, geht aus den Quellen nur zum Teil hervor. Vermutlich war hierfür eine Vergütung ursächlich, welche Markgraf Woldemar noch 1319 an seinem Vasallen und Amtsträger Redekin tat. Als die brandenburgischen Askanier kurz darauf 1320 ausstarben, beanspruchten verschiedene Fürsten die nunmehr herrenlosen Territorien. So auch Fürst Heinrich II. von Mecklenburg, der weite Teile der Uckermark  in seinen Besitz brachte (Schultze 1989, 25ff.). Im Zuge dessen scheint es auch auf nachgeordneter Ebene zu Besitzverschiebungen gekommen zu sein, sodass das Kloster Groß-Ziethen von neuem – und dieses Mal endgültig – erwerben konnte. Die Geschicke von Dorf und Kloster, bzw. seiner Nachfolgeeinrichtungen sollten von nun an auf das Engste verbunden bleiben.

Liegt die genaue Besitzverteilung auch für die frühesten Zeiten im Dunkeln – in dem Nachbarort Klein-Ziethen verfügten etwa die von Krummensee (vor 1329), dann die von Arnsdorff (1329-1466) über umfangreiche Besitztitel (CDB, A XIII, Nr. LX; Nr. CXXVI-CXXVII) –, so ist Groß-Ziethen wohl um 1339 vollständig in klösterlichen Besitz übergegangen (CDB, A XIII, Nr. LXIV; Nr. LXXI). Einige Sicherheit verschafft das Landbuch von 1375, woraus zu ersehen ist, dass sich alle 64 bewirtschafteten Hufen, beide Krüge und ein wüster Krug sowie 35 Kossäten-Stellen im Besitz des Klosters befanden (Landbuch 1940, 157). Setzt die Überlieferung für viele kleine und kleinste Dörfer in Brandenburg erst mit dem besagten Landbuch ein, so zählt Groß-Ziethen also zu den nachweislich älteren Dörfern, deren Geschichte sich bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Dasjenige Jahrhundert also, in dem auch Kloster Mariensee bei Chorin – zunächst noch auf einer Insel im Parsteiner See gelegen – begründet wurde, konkret im Jahr 1258. Als Filiation des von Bernhard von Clairvaux gestifteten Zisterzienser-Ordens war Chorin dem Ora et Labora-Grundsatz verpflichtet, sprich dem Gebet und der Arbeit. Das Kloster strebte demnach eine weitgehende Selbstversorgung durch der eigenen Hände Arbeit an, wofür die Ordensbrüder mit reichen Ländereien in der südlichen Uckermark ausgestattet wurden (Abb 1911; Germania Sacra 1929, 302-323). Das Wirtschaftssystem der Zisterzienser beruhte nun darauf, klostereigene Wirtschaftshöfe (sogenannte Grangien) durch Laienbrüder (sogenannte Konversen) zu betreiben. Für Groß-Ziethen ist eine entsprechende Einrichtung nicht belegt, weshalb davon auszugehen ist, dass das Kloster hier lediglich als Grundherr auftrat (Germania Sacra 1929, 307). Als solchem standen ihm die üblichen Abgaben in Form von Pachtus (Pacht), Census (Zehent) und Bede zu (laut Landbuch beliefen sich Pachtus und Census 1375 auf 10 Schillinge, die Bede auf 22 ½ Groschen), spätestens seit dem 14. Jahrhundert noch ergänzt um gelegentliche Hand- und Spanndienste der ansässigen Bauernschaft (CDB, A XIII, Nr. L; Landbuch 1940, 157; Enders 2008, 88). Die Verrichtung entsprechender Dienste besorgte die Gemeinde als genossenschaftlicher Verband aller, im Dorf ansässigen Hufenbauern (Enders 2008, 65ff; Blickle 1981, 23ff.). Mit den Pflichten korrespondierten zugleich auch Rechte, so war das Kloster als Grundherr angehalten, für eine Erhöhung der jährlichen Pacht etwa den bäuerlichen Konsens einzuholen (CDB, A XIII, Nr. XX).

Groß-Ziethen als Amtsdorf (ab 1542)

Selbst als Reformation und Säkularisierung 1542 zur Auflösung des Klosters geführt hatten, blieb das administrative Band nach Groß-Ziethen bestehen. Nunmehr in landesherrlichen Besitz übergegangen, wurde aus dem ehemaligen Kloster- ein Amts-Dorf. Freilich war die Zeit Chorins als eigentliches Kammergut nur eine kurze, denn das Amt wurde bald zur Konsolidierung der kurfürstlichen Finanzen an Dritte verpfändet; so schon im September 1543 für 20.000 Taler an den Potsdamer Amtshauptmann Caspar von Köckritz (CDB, A XIII, Nr. CXLVIII; Paech 1936, 14). Mit dem Jahr 1577 liegt dann ein, bzw. das erste Erbregister vom Amt Chorin vor – wohl unter der Ägide von Amtshauptmann Christoph von Sparr (Paech 1936, 94) aufgestellt –, welches einen guten Einblick auch in die sozio-ökonomischen Verhältnisse von Groß-Ziethen gewährt. Legt man als Referenz die Erhebungen des Landbuches von 1375 zugrunde, so hat sich die Anzahl der bewirtschafteten Hufen im Dorf gehalten: Von den insgesamt 64 Hufen entfielen um 1577 sechs Freihufen auf den Lehnschulzen, vier Hufen auf die Pfarrstelle, 48 Hufen auf die zwölf Vierhüfner und sechs Hufen auf die zwei Dreihüfner. Von den 1375 noch erwähnten, 35 Kossäten-Stellen im Dorf scheinen sich nur 22 gehalten zu haben. Darüber hinaus sind zwei wüste Hofstellen überliefert, von denen eine der Pfarrer, die andere der Erbkrüger in Gebrauch hatten. Beide Krüge, die schon im Landbuch auftauchen, bestanden fort – deren einer als Erb-, der andere als gesetzter Schankkrug. Groß-Ziethen zählt damit zu jenen Dörfern in der Uckermark, die im Spätmittelalter einen „besonders starken Bedarf“ (Enders 2008, 64), respektive Absatz an Bier aufwiesen.

Infrastruktur und Kultur

Neben den ertragreichen Böden war es vor allem die infrastrukturell günstige Lage, welche zum allgemeinen Flor der Gemeinde beitrug. An einer alten Handelsstraße nach Stettin gelegen (Kloeden 1846, 45ff; Mundt 1932; Paech 1936, 7), damit also in den baltischen Wirtschaftsraum eingebunden, konnte die Überproduktion an Getreide ohne große Umwege vertrieben werden. Die nächsten Märkte wurden in Angermünde (südliche Uckermark) und der Neustadt (niederer Barnim), später Eberswalde genannt, jeweils nur eine knappe Tagesreise von Groß-Ziethen entfernt gehalten.

Vermutlich war es eben diese Handelsstraße, welche im 14. Jahrhundert auch waldensische Prediger in die Gegend um Groß-Ziethen geführt hatte. Deren missionarischer Erfolg ging wohl so weit, dass sich die Gemeinden in Groß-Ziethen sowie auch im benachbarten Klein-Ziethen waldensischen Ideen zuwandten. Nachdem 1336 ein Ketzergericht in Angermünde schon 14 Waldenser dem Scheiterhaufen übergeben hatte (Enders 2008, 120; Kurze 1975, 17ff.), erfassten neuerliche Inquisitionen um 1393/1394 auch Groß-Ziethen (Ortslexikon 1986, 1166; Enders 2008, 120). Noch im Jahr 1458 wurde der Priester Matheus Hagen aus Klein-Ziethen in Cölln verurteilt und in Berlin verbrannt, einige Monate später hatte sich dann die ganze Gemeinde von Klein-Ziethen vor einem Ketzergericht zu verantworten (Festschrift 1986, 4). Hiernach brechen die Nachrichten über waldensische Glaubenstraditionen in und um Groß-Ziethen ab.

Konnte es in Friedenszeiten auch ein wirtschaftlicher und kultureller Segen sein, wenn Dörfer an alten Handelsstraßen belegen waren, so bedeutete Handels- doch zugleich auch Heerstraße in Kriegszeiten. Der Segen konnte sich dann allzu schnell zum Fluch wandeln und Soldaten vor das Dorf führen.

Niedergang und Neubeginn (17. Jahrhundert)

War Groß-Ziethen auch bis lange in die 1630er Jahre hinein vom Dreißigjährigen Krieg verschont geblieben, was vor allem Durchmärsche von Truppen meint – eigentliche Schlachten fanden in der Gegend bekanntlich nicht statt, so brachte 1638 die weitgehende Zerstörung (Ortslexikon 1986, 1166). Was im Nachgang zum „schlimmsten aller Kriegsjahre“ 1637 in der Uckermark vor Ort geschah (Enders 2008, 328), ist kaum mehr zu rekonstruieren. Unter welchen Fahnen auch immer die Soldateska auf Groß-Ziethen traf, aller Wahrscheinlichkeit nach unter kaiserlichen und kurbayerischen von Süden her, unter schwedischen von Norden her (Enders 2008, 327ff; Asche 2006, 31ff.), änderte für die Gemeinde im Ergebnis wenig: Plünderungen folgten Hunger und Krankheit auf dem Fuße. Sicherlich neigten und neigen die Chronisten dazu, im Besonderen den Dreißigjährigen Krieg und seine Folgen zu überschätzen und in schwärzesten Farben zu malen. Selbst wenn man für Groß-Ziethen nun in Anschlag bringt, dass Teile der Gemeinde wohlmöglich nach Pommern oder Polen ausgewichen und nach Kriegsende nicht zurückgekehrt sind, dann waren die Kriegsfolgen doch – im wahrsten Sinne des Wortes – verheerend: Dem Landreiterbericht von 1653 nach lebte noch ein Kossät im Ort (Ortslexikon 1986, 1166)! Freilich ist darunter nicht nur eine Person in summa zu verstehen, sondern wurde etwa das Gesinde, bzw. die kossätische Hausgemeinschaft nicht gesondert erfasst, ebenso wenig wie ansässige Büdner oder Einlieger. Zweifelsohne aber bedeutete der Dreißigjährige Krieg eine Zäsur für Groß-Ziethen: Einerseits im destruktiven Sinne, denn beschrieb er ganz offenkundig das Ende gewisser Traditionslinien im Ort, welche an die Personengemeinde gebunden waren. Andererseits hinterließ er leer stehende Häuser, unbestellte Äcker und insgesamt ein Siedlungspotenzial, das im konstruktiven Sinne Neues entstehen lassen sollte.

In Frankreich ob ihres Glaubens vertrieben, setzte sich 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau eine Flüchtlingswelle französischer Protestanten in Bewegung, die auch ins Reich und letztlich bis nach Brandenburg-Preußen schlug (Asche 2006, 409ff.). Welche Rolle, wirtschaftlich, kulturell, religiös usw. die französisch-reformierten Refugiés für Brandenburgs Entwicklung spielten, darüber streitet die Forschung zu Recht (Jersch-Wenzel 1986). Für Groß-Ziethen jedenfalls bedeuteten sie Revitalisierung und Melioration im besten Sinne; bisweilen ist man geneigt, von einer zweiten Gründung  des Dorfes zu sprechen (Deveranne 1885). Die Wiederbesiedlung selbst erstreckte sich über einen Zeitraum von ca. 40 Jahren, Höhepunkte machte der Groß-Ziethener Chronist Karl Manoury für die Jahre 1686/87, 1695, 1697/98 und 1700 aus (Manoury 1961; Festschrift 1986, 6). 1717 konnte die Kirche wieder errichtet werden, erweitert um einen verbretterten Dachturm (Ortslexikon 1986, 1168)(Abb. 1). In ihrem Gemeindeleben unterwarfen sich die Refugiés der sogenannten discipline ecclésiastique, eine auf Johannes Calvin zurückgehende, verschiedenste Lebensbereiche reglementierende Sozialordnung (CCM, Th. VI, Apendice). Darüber hinaus war es ihnen gestattet, eigene Pfarrer zu ernennen sowie Französisch auch im öffentlichen Verkehr zu benützen. Die „Privilegia […], welche […] denen Evangelisch=Reformirten Frantzösischer Nation […] zu verstatten […]“ waren, erschöpften sich aber nicht darin, das exercitium Religionis Reformatae frei ausüben zu dürfen (CCM, Th. II, Abt. I, No. LXV). Vielmehr wurden die Refugiés in vielerlei Hinsicht von Lasten befreit, die die autochthone Bevölkerung weiterhin und ganz selbstverständlich zu tragen hatte, etwa grundherrliche Hand- und Spanndienste.

Kampf der Refugiés um Privilegien (18. und frühes 19. Jahrhundert)

Die Privilegien gleichwohl sollten sich als ein zweischneidiges Schwert erweisen: Hatten sie viele Eiwanderer überhaupt erst bewogen, nach Brandenburg zu gehen, begegnete ihnen die Verwaltung vor Ort mit wachsender Missgunst. Waren die Refugiés in relativer Armut nach Groß-Ziethen gekommen, so entwickelten sich ihre Hofwirtschaften recht gut – 1731 etwa wurden die Hofwehren auf 60 Reichstaler geschätzt, in einigen Nachbarorten nur auf 30 Reichstaler (Enders 2008, 454). Als Sinnbild für Groß-Ziethens wirtschaftlichen Aufschwung kann die Gemeindekasse stehen, welche 1750 schon mit 239 Talern schloss (Festschrift 1986, 19). Insofern Groß-Ziethen nun im Domänenamt Chorin lag, mussten sich Reformen der Domänenverwaltung unmittelbar auch darauf auswirken, wie sich die Beziehungen zwischen Amt und Gemeinde gestalteten. Als man die Domänen in den 1720er Jahren sukzessive in – zumeist sechsjähriger – Generalpacht austat, sie damit zum Spekulationsobjekt für private Agrarunternehmungen machte (Müller 1981, 330ff.; Heegewaldt 167ff.), wandelte die brandenburgisch-preußische Domänenverwaltung ihr Gesicht: Fortan galt für Amtmänner das Primat, aus den Pachten größtmöglichen Gewinn zu ziehen, sie in jedem Fall aber ohne Rest zu verlassen (Heegewaldt 2012, 167ff.) – „ein Plus“ zu machen wurde oberstes Prinzip (Hartung 1961, 134).

Arbeitskraft und Gemeindevermögen der Refugiés weckten daher Begehrlichkeiten auch im Amt Chorin, weshalb es im gesamten 18. Jahrhundert nicht an Versuchen der Amtmänner fehlte, beides im Sinne der domanialen Haushaltung nutzbar zu machen. Freilich blies ihnen anfangs ein kräftiger Rückenwind aus Berlin, wo man seit 1714 dazu übergegangen war, die reformierten Privilegien für nicht-erblich zu erklären (CCM, Th. VI, Abt. II, No. XXXIV) – was im Grunde einer Aufhebung gleichkam. Damit aber verkannte man vollends die Bedeutung, welche die Privilegia von 1685 – schon 1696 wurden sie auf weitere fünf Freijahre prolongiert (CCM, Th. VI, Abt. I, No. CXCIV) – in sich trugen: Denn war es ihr affirmativer, um die Refugiés werbender Geist – gewissermaßen als ein öffentliches Bekenntnis erwünschter Anwesenheit –, der nun zur Disposition stand. Schon begannen französisch-reformierte Familien, Brandenburg wieder zu verlassen, so auch vier aus Groß-Ziethen stammende Familien, die ins dänische Fredericia weiterzogen. Wohlmöglich wäre ein wirklicher Exodus die Folge gewesen, hätte man in Berlin keine politische Kurskorrektur vorgenommen und 1734 die Dienstfreiheit „auf ewige Zeiten“ zugesichert (Enders 2008, 458). Freilich war der Dualismus zwischen Amt und Gemeinde noch keineswegs überwunden, sondern geriet er für Groß-Ziethen zum beherrschenden Thema, welches die Ortsgeschichte noch bis ins 19. Jahrhundert hinein bestimmte: Im Wesentlichen ging es um Hütungsrechte, welcher sich die Ämter Chorin und Grimnitz jeweils auf Feldmarken von Groß-Ziethen anmaßten. Ein Vorfall aus dem späten 18. Jahrhundert verdeutlicht, wie unversöhnlich sich die Parteien gegenüberstanden: Als der Choriner Amtmann Meyer seine Schafe auf Äckern um Groß-Ziethen hüten ließ, stellte sich Pierre Manoury dem Schäfer entgegen, warf ihn zu Boden und schlug mit dem Schäferstock zu (Festschrift 1986, 13-14). Der Dualismus zwischen Amt und Gemeinde sollte sich tief ins kollektive Gedächtnis eingraben; bis zum heutigen Tage bestimmt er das dörfliche Selbstbild, letzten Endes im Interessenkonflikt mit der Obrigkeit bestanden zu haben.

Assimilierung und ländlicher Alltag (19. Jahrhundert und Ausblick)

Erfolgten die Eintragungen in Journale – eine Art von Gemeinde-Chronik – und Kirchenbücher noch bis 1844 auf Französisch, wurden die Gottesdienste seit 1804 endgültig auf Deutsch gehalten; überhaupt war Deutsch schon seit Längerem zur Verkehrssprache in Groß-Ziethen geworden. Laut Journal trat 1816 der letzte Presbyter zurück, welcher noch des Französischen mächtig war (Enders 2008, 633; Festschrift 1986, 23-24).

Freilich lebten neben den reformierten Refugiés auch Lutheraner im Ort, die 1855 schließlich beantragten, dass man ihre Kinder doch im örtlichen Konfirmanden-Unterricht unterweise. Zwar wurde der Antrag vom Provinzial-Konsistorium negativ beschieden, doch gestand man ihnen zu, zuwenigst für die Gottesdienste eine lutherische Anschlussgemeinde zu gründen: 46 Familien im Dorf folgten dem Anschluss! Die Zahl zeigt mit aller Deutlichkeit, dass Groß-Ziethen im späteren 19. Jahrhundert kaum mehr als französische Kolonie zu erkennen war. Von den 1860 im Dorf belegenden, insgesamt 74 Hausstellen scheinen Lutheraner – zumeist wohl deutscher Herkunft – mehr als die Hälfte bewohnt zu haben (Ortslexikon 1986, 1167; Festschrift 1986, 27).

Die sogenannten Separationen im 19. Jahrhundert, welche die Gewanne der Dreifelderwirtschaft auflösten und je nach Bodengüte neu zuschnitten, fanden in Groß-Ziethen schon um 1835 ihren Abschluss. In der Folge formierte sich bis 1882 ein größerer Besitz mit 845 Morgen, drei Bauernstellen mit jeweils 300-600 Morgen, elf Bauernstellen mit 100-300 Morgen, 14 Kossäten-Stellen mit 30-100 Morgen, 30 Büdner-Stellen mit 5-30 Morgen sowie sieben Stellen mit unter 5 Morgen Ackerlandes: Um 1882 bestellten also 66 Landwirte aus Groß-Ziethen eine landwirtschaftliche Nutzfläche von insgesamt 5049 Morgen (Ortslexikon 1986, 1167; Festschrift 1986, 26).

Hatten sich die Hausstellen bis 1931 noch einmal auf 102 vermehrt, so stieg die Einwohnerzahl nach 1945 wohl kurzzeitig auf über 800, denn nach Kriegsende waren zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene nach Groß-Ziethen geströmt (Ortslexikon 1986, 1167; Festschrift 1986, 43).

Nur etwa 100 Jahre nach den Separationen griffen Bodenreform und Planwirtschaft abermals in die dörfliche Besitzverteilung ein: Bis 1951wurden insgesamt 20 Betriebe mit jeweils 5-10 ha geschaffen und 41 weitere aufgestockt, in summa belief sich das – im weiteren Sinne noch private Ackerland – auf etwa 414 ha; 23 ha verlieben im Bodenfonds. Im Vergleich dazu bewirtschaftete die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) 1953 – noch als Typ I LPG (also exklusive der bäuerlichen Wirtschaften und ihres Geräts) – 752 ha und hatte 14 Angestellte. 1960 schließlich in eine LPG des Typs III umgewandelt (also inklusive der bäuerlichen Wirtschaften und ihres Geräts)(Schmidt 2009, 144ff.), zählte sie schließlich 162 Mitglieder und bestellte eine Fläche von ca. 1108 ha. 1975 wurde ihr Sitz in den Nachbarort Klein-Ziethen verlegt, wo er bis zur Auflösung der LPG bestehen blieb (Ortslexikon 1986, 1167-1168; Festschrift 1986, 43).

Auch heute prägt die Landwirtschaft noch Groß-Ziethens Umgebung, selbst wenn nur wenige Anwohner als Landwirte tätig sind. Viele der ehemaligen LPG-Flächen werden heute von Großagrarunternehmen bewirtschaftet. Auch die Einwohnerschaft des Ortes unterliegt wie vielerorts im ländlichen Brandenburg einem Wandel. Neben alteingesessenen Bewohnern machen sich bisweilen auch Familien aus urbanem Umfeld ansässig. Nördlich der landwirtschaftlichen Nutzflächen, einige Kilometer vom eigentlichen Dorfkern entfernt, erstreckt sich das UNESCO Weltnaturerbe Grumsiner-Forst. Immer schon zogen die Wälder um Groß-Ziethen Naturfreunde und Wanderer in ihren Bann: Kaum wunder nimmt es also, wenn der „Nationale GeoPark Eiszeitland am Oderrand“ sein Besucher- und Informationszentrum schließlich in der Historischen Dampfmühle von Groß-Ziethen erhielt (Abb. 2).

Quellen

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Codex diplomaticus Brandenburgensis: Sammlung der Urkunden, Chroniken und sonstigen Quellenschriften für die Geschichte der Mark Brandenburg und ihrer Regenten. 4 Hauptteile A-D mit 35 Bde. 1 Supplement-Bd. 5 Register-Bde. Herausgegeben von Adolph Friedrich Riedel. Berlin 1838-1869 [Zitiert als CDB]. [siehe: Hier]

Kurze, Dietrich (Hrsg.): Quellen zur Ketzergeschichte Brandenburgs und Pommerns (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 45). Berlin 1975.

Schultze, Johannes (Hrsg.): Das Landbuch der Mark Brandenburg von 1375. In: Ders. (Hrsg.): Brandenburgische Landbücher. Bd. 2 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für die Provinz Brandenburg und die Hauptstadt Berlin; 8,2). Berlin 1940 [Zitiert als Landbuch]. [siehe: Hier]

 

Literatur

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Alberti, Hans Joachim von: Mass und Gewicht: geschichtliche und tabellarische Darstellungen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 1957.

Asche, Matthias: Neusiedler im verheerten Land. Kriegsfolgenbewältigung, Migrationssteuerung und Konfessionspolitik im Zeichen des Landeswiederaufbaus. Die Mark Brandenburg nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts. Münster  2006.

Blickle, Peter: Deutsche Untertanen: ein Widerspruch. München 1981.

Deveranne, Eugéne: Die Französisch-reformierten Gemeinden zu Groß und Klein Ziethen. Berlin 1885.

Dormeyer, Carl: Zur Kenntnis der Urgeschichte insbesondere des östlichen Teiles der Uckermark. In: Illustrierter Heimat-Kalender für den Kreis Angermünde auf das Jahr 1926 1 (1926), 30-51.

Enders, Lieselott (Bearb.): Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil 8. Uckermark (= Veröffentlichungen des Staatsarchivs Potsdam; 21). 1986 [Zitiert als Ortslexikon].

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Hartung, Fritz: König Friedrich Wilhelm I. von Preußen. In: Ders.: Staatsbildende Kräfte der Neuzeit. Gesammelte Aufsätze. Berlin 1961, S. 123-148.

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Jersch-Wenzel, Stefi: Ein importiertes Ersatzbürgertum? Die Bedeutung der Hugenotten in der Wirtschaft Brandenburg-Preußens. In: Thadden, Rudolf von; Magdalaine, Michelle (Hrsg.): Die Hugenotten 1685-1985. 2., verbesserte Auflage. München 1986, S. 160-171.

Manoury, Karl: Die Geschichte der französisch-reformierten Provinzgemeinden. Berlin 1961.

Müller, Hans-Heinrich: Domänen und Domänenpächter in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert. In: Büsch, Otto: Moderne preußische Geschichte 1648-1947: eine Anthologie (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 52). Berlin 1981, S. 316-359.

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Schlesinger, Walter: Zur Problematik der Erforschung der deutschen Ostsiedlung. In: Ders. (Hrsg.): Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters als Problem der europäischen Geschichte: Reichenau-Vorträge 1970 - 1972 (= Vorträge und Forschungen. Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte; 18). Sigmaringen 1975, 11-30.

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Waurer, Sophie: Die Ortsnamen der Uckermark. In: Fischer, Reinhard E.: Brandenburgisches Namenbuch. Teil 9 (= Berliner Beiträge zur Namenforschung; 10). Weimar 1996 [Zitiert als Brandenburgisches Namenbuch].

 

Abbildungsnachweis

Abb. 1 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grossziethen_09_14_02.jpg (Foto: Uckermaerker, CC-BY-SA 4.0);

Abb. 2 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GrossziethenZurMuehle51_09_14_23_jiw.jpg (Foto: Uckermaerker, CC-BY-SA 4.0)

 

Empfohlene Zitierweise

Villain, Robin, Groß-Ziethen (Landkreis Barnim), publiziert am 01.12.2017; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de/ (TT.MM.JJJJ)

 

Kategorien

Regionen: Uckermark


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