Schlacht bei Fehrbellin 1675

Frank Göse

Zeitgenössischer Hintergrund

Den politischen Hintergrund der Schlacht bei Fehrbellin bildete der sogenannte „Holländische Krieg“ (1672-1679), in dem Ludwig XIV. versuchte, die Hegemonialstellung Frankreichs in Europa abzusichern. Zum Hauptziel der Angriffe wurden die niederländischen Generalstaaten, die in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht den größten Widerstand gegen die französischen Ambitionen entgegensetzten. Bis 1674 war es allerdings den niederländischen Politikern gelungen, mit dem Kaiser, Spanien, aber auch deutschen Reichsfürsten wie etwa dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (Abb. 1) eine starke militärische Allianz zu etablieren. Doch auch der französischen Diplomatie stand seit geraumer Zeit eine Klientel unter den europäischen Staaten zur Verfügung, die - vor allem mit Subsidienzahlungen - aktiviert werden konnte. Als im Sommer 1674 die militärische Stärke der gegen Frankreich stehenden Koalition bedrohliche Ausmaße angenommen hatte, gelang es den französischen Diplomaten Schweden zum militärischen Eingreifen zu bewegen. Das Kalkül ging dahin, den brandenburgischen Kurfürsten angesichts eines Einfalls schwedischer Truppen in sein Territorium zur Aufgabe seiner Bündnisverpflichtungen zu bewegen. Erpressbar war er, da die Kernlande seiner Herrschaft - die Mark Brandenburg - zu jenem Zeitpunkt nur geringen militärischen Widerstand gegen einen drohenden schwedischen Einfall leisten konnten. Der Kurfürst befand sich mit seiner etwa 20.000 Mann zählenden Armee in Franken und lediglich in den Festungen lagen kleinere Garnisonen.

Brandenburgische Bemühungen

Nach dem Bekanntwerden der heraufziehenden Gefahr bemühte sich der Kurfürst zum einen um diplomatischen Beistand der mit Brandenburg verbündeten Mächte; diese sollten den Besitzstand Brandenburgs garantieren und - wenn nötig - militärische Hilfe leisten. Zum anderen wurden entsprechende Vorkehrungen zur Verteidigung des Landes getroffen. Der Statthalter der Mark Brandenburg, Johann Georg II. von Anhalt, wurde angewiesen, Werbungen zum „Landesaufgebot“ („den sechsten Mann aus Städten und Dörfern“) vorzunehmen. Proteste der brandenburgischen Stände gegen diese Maßnahmen begegnete man mit dem Verweis auf den Notstand („necessitas“), in dem sich der Staat befinde. 

Zum Jahreswechsel 1674/75 überschritten schwedische Truppen in einer Stärke von etwa 12.000 Mann unter dem Kommando des Reichsfeldherren Carl Gustav von Wrangel (Abb. 2) in der Uckermark die brandenburgische Grenze. Damit begann nach den noch allgegenwärtigen traumatischen Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges eine erneute Leidenszeit für die Bevölkerung einiger brandenburgischer Landschaften. Demoralisierung, Flucht, aber zuweilen auch offener Widerstand bestimmten die Reaktionen der Betroffenen. Der Kurfürst, dessen Truppen sich noch in Franken im Winterquartier befanden, bereitete den Rückmarsch in die Mark Brandenburg vor. Verhandlungsangebote der schwedischen und französischen Seite, die bezweckten, ihn aus der antifranzösischen Koalition herauszulösen, wies er brüsk zurück. Die Schweden, die mittlerweile Teile der Mark (neben der Ucker- und Neumark vor allem die Prignitz und das Havelland) besetzt hielten, planten die Elbe bei Havelberg zu überschreiten, die Altmark zu besetzen und sich dann mit der Armee des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg zu vereinigen, um gemeinsam die hohenzollernschen Neuerwerbungen in Halberstadt und Minden anzugreifen. Aus diesem Grunde sollten die noch entlang der Havel zwischen Havelberg und Brandenburg (Havel) stehenden Truppen in der Westprignitz zusammengezogen werden.

Unterdessen konnte der brandenburgische Kurfürst von den Schweden unbemerkt mit seinen Truppen bis nach Magdeburg marschieren. Während eines dort abgehaltenen Kriegsrates wurde der Beschluss gefasst, von den drei noch zu passierenden Brückenköpfen (Havelberg, Rathenow, Brandenburg) mit Rathenow den vermeintlich am schwächsten gesicherten anzugreifen. Am 15.(25.) 6. gelang es brandenburgischen Einheiten - einen großen persönlichen Anteil hatten hierbei der Feldmarschall Georg von Derfflinger (Abb. 3) und der General von Götz -, in einer handstreichartigen Aktion die schwedische Besatzung zu überwältigen. Damit war ein Keil in die entlang der Havel verlaufende schwedische Aufstellung getrieben worden. Das in Brandenburg (Havel) liegende schwedische Korps verfolgte daraufhin das Ziel, in die Prignitz zu ziehen, um sich dort mit den in Havelberg stehenden Kontingenten zu vereinigen. Den kurfürstlichen Truppen wollte man mit einem in weitem Bogen über Nauen und Fehrbellin führenden Marsch ausweichen (Abb. 4).

Die Schlacht

Der Kurfürst, dessen Planungen die detaillierte Kenntnis der unwegsamen, durch Heiden und Sümpfe geprägten Landschaft zugutekam, trachtete danach, die schwedischen Truppen im Ländchen Bellin zu halten und vor ihrer Vereinigung mit dem Havelberger Korps zu schlagen. In diesem Sinne übernahmen Streifkorps die Zerstörung einiger Pässe, u.a. auch des Fehrbelliner Übergangs, um den Marsch der Schweden zu behindern, während der Hauptteil der dem Kurfürsten zur Verfügung stehenden Truppen die Verfolgung der schwedischen Einheiten übernahm. Die ursprünglich geplante weiträumige Umgehung der Schweden wurde zugunsten eines sofortigen Angriffes fallen gelassen. In den Morgenstunden des 18.(28.) 6. 1675 traf der Kommandeur der brandenburgischen Vorhut, der Landgraf Friedrich von Hessen-Homburg, zwischen Linum und Hakenberg auf schwedische Verbände, die sich daraufhin hinter einem Erdwall, der sogenannten „Landwehr“, in drei Treffen zur Schlacht formierten.

Die Schweden verfügten zu diesem Zeitpunkt über etwas mehr als 11.000 Mann Kavallerie und Infanterie, während der Kurfürst nur berittene Kräfte im Umfang von etwa 6.400 Mann aufbieten konnte - der Preis seines rasanten Marsches in das Havelland. Die Schlacht wurde durch einen Angriff der kurfürstlichen Artillerie eröffnet, die im Schutze von Sandhügeln der rechten schwedischen Flanke schwer zusetzte. Eine schwedische Gegenattacke auf diesen neuralgischen Punkt brachte zwar die Brandenburger in Bedrängnis, konnte aber zurückgeschlagen werden. Einen besonderen Anteil hatte hier neben Derfflinger der unmittelbar nach der Schlacht geadelte Oberstleutnant Hennigs (Hennig von Treffenfeld). Nach etwa zweistündigem mörderischem Gefecht, an dem der Kurfürst selbst beteiligt und mehrfach in höchste Lebensgefahr geraten war, ordnete der schwedische Oberbefehlshaber den Rückzug seiner Truppen in Richtung Fehrbellin an. Eine vom Kurfürsten ins Auge gefasste Fortsetzung der Schlacht musste angesichts der guten Rückendeckung, die die Schweden durch bislang nicht am Kampf beteiligte Einheiten aufbringen konnten und des außerordentlichen Erschöpfungszustandes der brandenburgischen Truppen aufgegeben werden. Lediglich am folgenden Tag kam es bei Fehrbellin noch zu kleineren Gefechten. Der schwedische Feldherr von Wrangel, der während des gesamten Feldzuges durch ein schweres Gichtleiden in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt war, sammelte seine um mehr als 2.500 Mann dezimierten Truppen und trat über Wittstock gehend den Rückzug auf mecklenburgisches Territorium an (Abb. 5, 6).

Nachwirkungen

Wenn auch die „Schlacht von Fehrbellin“ nicht zu den - gemessen an den aufgebotenen Truppenkontingenten - großen Schlachten jener Zeit gezählt werden kann, konnte das brandenburgische Kurfürstentum dennoch einen Achtungserfolg erzielen, der auch propagandistisch verwertet wurde (Abb. 7, 8). In einem im gleichen Jahr aufkommenden Lied („Neues Lied von der glücklichen Victoria“) wurde dem brandenburgischen Landesherrn der Beiname „Großer Kurfürst“ gegeben. Der messbare politische Gewinn hielt sich für den Hohenzollern allerdings in Grenzen: Zwar gelangen dem brandenburgischen Heer in den folgenden Jahren noch weitere respektable Erfolge gegen Schweden (Eroberung Vorpommerns mit Rügen), doch sah sich der „Große Kurfürst“ auf Grund der Bestimmungen des Friedens von St. Germain 1679 zur Herausgabe seiner Eroberungen gezwungen. 

Die Schlacht von Fehrbellin behielt indes einen herausgehobenen Platz sowohl innerhalb der Geschichtsschreibung über den Aufstieg des „Alten Preußen“ als auch innerhalb eines populär verbreiteten Traditionsbildes (Abb. 9). Insbesondere für die borussische Historiographie mit der ihr eigenen Konstruktion eines zeitlich zurückverlagerten „deutschen Berufes“ Preußens übte dieses Ereignis eine wichtige argumentative Kraft aus.

Quellen

Theatri Europaei. Eilffter Theil oder Ausführlich fortgeführte Friedens= und Kriegs=Beschreibung […]. Franckfurt am Mayn 1682 (Ausgabe von 1707), S. 720. [Siehe: Hier]

Warhaffte Relation Dessen, So zwischen den Chur-Brandenburgischen und Schwedischen Völckern auf den 23. Junij St. V. vorgangen, und sonderlich von dem harten Treffen bey Fehrbellin, in welchen die Chur-Brandenburgische den Sieg erhalten, und die Schweden aus der Marck vertrieben, so sich ins Hertzogthumb Meckelnburg reterirt. 1675. [Siehe: Hier]

Eilfertiger Bericht/ Von dem Harten Treffen/ Welches gestern den 18. Iunii, zwischen Ihro Churfürstlichen Durchl. zu Brandenburg ... und der Schwedischen Armée, disseits des Passes Fehr-Bellin fürgangen/ und in welchem der Allerhöchste Ihrer Churfürstl. Durchl. die Victorie und Sieg gnädiglich verliehen : den 19. Iunii des Abends 1675. [Siehe: Hier]

Manifest, Oder Declaration Deß Krieges der Holländer/ wider die Schweden : Worbey angefügt/ aus des Götter-Botens Relation, Eines Melancholischen Meditation, und ein Gespräch unterschiedener Personen/ über den gefährlichen Einfall der Schweden in Pommern/ und darauff folgende fröliche Post der Victorie Sr. Churfürstl. Durchläucht. zu Brandenburg/ wider die Schweden. Das Manifest ist gedruckt wie folget: Nach der Copie In s' Graven Hage By Jacob Sceltus, Ordinar-Drücker der Hochm. Herren Staat General der vereinigten Niederlanden/ Anno 1675. [Siehe: Hier]

Eiliger Bericht von der grossen Victoria und Blutigen Gefecht So S. Königlichen Hocheit der Printz von Oranien nebst denen Hertzogen von Branschw. Lüneburg/ Zell und Lothringen wider die Königliche Frantzösische Haupt-Armee glücklich erhalten : Hierbey auch von denen jtzigen Treffen/ so zwischen Chur-Brandenburg und der Schwedischen Armee/ bey Fehr-Berlin und andern Orten vorgangen. Berlin 1675. [Siehe: Hier]

De wonderlycke successen van den H. Keurvorst van Brandenburg, op de Sweden in Havellant; En sijne generale Victorie van den 26 Juny tot den 2 July 1675. [Siehe: Hier]

Literatur

Gansauge, Hermann von: Veranlassung und Geschichte des Kriegs in der Mark Brandenburg im Jahr 1675. Berlin 1834. [Siehe: Hier]

Jany, Curt: Geschichte der Preußischen Armee. Bd. 1. Berlin 1928.

Winter, G.: Die Schlacht bei Fehrbellin, Ruppin 1925.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_Wilhelm_von_Brandenburg_by_Jacques_Vaillant.jpg?uselang=de 

Abb. 2 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_Gustaf_Wrangel_1662.jpg?uselang=de

Abb. 3 Theatri europaei. Eilffter Theil […]. 1682.

Abb. 4 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charta-expeditionis-anno-1675.png (Zeichnung: Memnon335bc – CC-BY-SA 4.0)

Abb. 5 Krigsarkiv Stockholm, Sveriges Krig 7:023. [größere Abbildung: Hier]

Abb. 6 SLUB / Deutsche Fotothek (CC-BY-SA-4.0). [größere Abbildung: Hier]

Abb. 7 https://brandenburg.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=38769&cachesLoaded=true (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg - CC-BY-NC-SA).

Abb. 8 https://brandenburg.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=38707&cachesLoaded=true (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg - CC-BY-NC-SA)

Abb. 9 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hakenberg_Siegessauele.jpg?uselang=de (Foto: Radler59 - CC BY-SA 4.0).

Empfohlene Zitierweise

Göse, Frank: Schlacht bei Fehrbellin 1675, publiziert am 04.05.2020; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen:  Absolutismus / Aufklärung
Themen: Ereignisse - Militär


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