Berlin-Gubener Hutfabrik AG

Vinzenz Czech

Die Anfänge der „Berlin-Gubener Hutfabrik“ gehen zurück auf Apelius Cohn, der seit 1859 in Berlin ein „Hut=Fourniturengeschäft“ – eine bescheidene Filzwarenhandlung – betrieb (Gander 1925, 551; Bilder 1912, 111) (Abb. 1). Mit der Zunahme des Geschäftes gründete Cohn dann im Jahr 1876 eine Zweigniederlassung in Guben, mit deren Leitung er seinen Schwager Hermann Lewin beauftragte. Anfangs nur mit 10-12 Mitarbeitern besetzt, sollte sich die Gubener Fabrik bald zum Hauptwerk des Unternehmens entwickeln (Gander 1925, 551). Gefertigt wurden zunächst Wollfilzerzeugnisse verschiedener Art, insbesondere Wollfilzstumpen, aus denen die Hüte geformt werden. Schon nach wenigen Jahren begann dann auch die Produktion von Hüten (Abb. 2).

Bis zum 1. April 1888 firmierte die Fabrik in Guben unter „Firma A. Cohn“. Wegen des ständig wachsenden Geschäftsumfanges entschlossen sich die Inhaber schließlich zur Gründung einer Aktiengesellschaft. Am 1. April ging die „Firma A. Cohn“ an die neu gegründete „Berlin-Gubener Aktiengesellschaft, vorm. A. Cohn“ mit einer Million Mark Aktienkapital über. Die Leitung verblieb in den Händen der Vorbesitzer Apelius Cohn in Berlin und Hermann Lewin in Guben. Gleich im ersten Jahr des Bestehens profitierte das Unternehmen von der in dieser Zeit einsetzenden Nachfrage nach industriell massenhaft und preiswert produzierter Kleidung. So verdoppelte sich der Produktionserlös von 560.000 auf 910.000 Mark. „Die große Zeit des Hutes brach an.“ (50 Jahre 1938, 19).

Der Betrieb war noch stark handwerklich ausgerichtet und die Arbeitsteilung machte erst im Laufe der Jahre mit dem Eindringen immer neuer Maschinen weitere Fortschritte. Der steigende Bedarf an Hüten verlangte eine ständig steigende Produktion und forderte so eine weitergehende Mechanisierung bestimmter Arbeitsvorgänge. Es verging kaum ein Jahr, in dem nicht Umbauten, Erweiterungsbauten und vor allen Dingen umfangreiche Maschinenkäufe finanziert werden mussten (Abb. 3). Trotz allem blieb die Hutfabrikation auch weiter von einem starken Anteil an Handarbeit im Vergleich zur maschinellen Leistung geprägt. Weiträumige Fabriksäle dominierten, in denen eine erhebliche Anzahl an Beschäftigten tätig war, über die Hälfte davon Frauen (Abb. 4-6).

Wechselnde Moden, saisonbedingtes Kaufverhalten, schwankende Rohstoffpreise oder sich ändernde Zolltarife stellten jeden Betrieb in dieser Zeit vor erhebliche Aufgaben. Ab 1904 wurde zudem die Produktion von Haarhüten aufgenommen, die sich in den Arbeitsabläufen erheblich von der Herstellung von Wollhüten unterschied (50 Jahre 1938, 28).

1906 starb der Gründer Apelius Cohn und noch im selben Jahr begannen Verhandlungen mit dem zweiten großen Hutunternehmen in Guben, der „Hutfabrik Berthold Lißner“, bezüglich einer Fusion beider Betriebe. Der Betrieb war 1889 vom gleichnamigen Inhaber gegründet worden. Trotz eines Brandes der Firmengebäude 1895 hatte sich die Produktion von Jahr zu Jahr vergrößert. Beim Verkauf der Fabrik an die „Berlin-Gubener Hutfabrik“ am 1. Januar 1907 war der Umsatz bereits auf 5 Millionen Mark und eine wöchentliche Produktion von 4.000 Dutzend Wollhüten gestiegen. Der Betrieb umfasste beim Verkauf etwa 1.300 Arbeiter und Angestellte, die „Berlin-Gubener Hutfabrik“ zur selben Zeit etwa 1.100 (50 Jahre 1938, 32). Durch diesen Zusammenschluss war die „Berlin-Gubener Hutfabrik AG, vorm. A. Cohn“ zum größten Unternehmen der deutschen Hutindustrie und zu einem der bedeutendsten in Europa geworden. Der Kapitalstock der AG wurde auf 3 Millionen Mark erhöht und Berthold Lißner trat als drittes Mitglied in den Vorstand ein (Bilder 1912, 111). Die von beiden Unternehmen getrennt betriebene Haarhutproduktion wurde in der „Berlin-Gubener Haarhutfabrik GmbH“ zusammengefasst. Sie sollte künftig alle Arten von Haarhüten, steife, weiche, Velour- und Plumes-Hüte (mit Federn besetzt), ferner Herren- und Damenhutstumpen in glattem Haar und Velour sowie Plumes herstellen (Der Konzern 1928, 219).

In den nunmehr vier Werken konnte das Unternehmen eine breite Palette an Erzeugnissen abdecken (Abb. 7). Die Produktion umfasste alle Artikel der Woll- und Haarfilzhutbranche für Männer, Frauen und Kinder. Der Absatz erstreckte sich auf alle Erdteile und die Firma unterhielt Vertretungen an allen wichtigen Plätzen des In- und Auslandes. 1910 erzeugte sie in den Wollhutfabriken ca. 500.000 Dutzend Wollfilzhüte und Wollfilzstumpen im Wert von etwa 10 Millionen Mark, in der Haarhutfabrik ca. 40.000 Haarfilzstumpen und Hüte im Wert von ca. 2 Millionen Mark. Der Gesamtumsatz betrug im Jahr 1912 11,8 Millionen Mark (Bilder 1912, 112).

Als sich 1912 Absatzmöglichkeiten im Vorderen Orient abzeichneten, gründete man eine eigene „Union-Fez Fabrik GmbH“, die ihre Produktion 1913 in den Gebäuden der 1908 aufgekauften „Wülfing‘schen Hutfabrik“ aufnahm (50 Jahre 1938, 34).

Während des Ersten Weltkrieges versuchte man den Einbruch des Absatzes zunächst durch die Produktion von stabilen Filzhelmen für die Armee auszugleichen, was sich jedoch nicht als erfolgversprechend herausstellte. Im Rahmen der Kriegswirtschaft wurde die Wolle beschlagnahmt und immer mehr Arbeiter zogen in den Krieg. Nachdem zuerst die „Union-Fez Fabrik“ ihren Betrieb eingestellt hatte, mussten am Ende des dritten Kriegsjahres auch die Wollhutbetriebe stillgelegt werden. Lediglich die Haarhutproduktion konnte fortgeführt werden, da Kaninchen- und Hasenhaare weiter verfügbar waren. Über 1.000 Arbeiter und Angestellte waren mittlerweile zum Militär eingezogen worden (50 Jahre 1938, 37).

Auch bei der „Berlin-Gubener Hutfabrik“ waren die Nachkriegsjahre gekennzeichnet von der Überwindung der Kriegsfolgen und den sich anschließenden Krisenjahren. Der Betrieb in den Wollhutfabriken wurde zunächst in kleinem Umfange wiederaufgenommen. Relativ schnell konnte der Mangel an Rohstoffen überwunden werden. 1919 erreichte man eine Beteiligung an der „Maschinenfabrik & Eisengießerei GmbH Wilhelm Quade“ in Guben, deren Produktionsprofil vor allem die Fertigung von Maschinen für die Tuch- und Hutindustrie umfasste. Sie war neben der Gubener „Maschinenfabrik Carl Heinze“ der zweite große Hersteller derartiger Anlagen am Ort.

Mit dem Tod von Hermann Lewin 1920 übernahm sein Sohn Alexander als Generaldirektor und Vorstandsmitglied die Leitung des Unternehmens, gemeinsam mit Berthold Lißner. Lewin nahm auch außerhalb des Familienunternehmens verschiedene Aufgaben wahr. So wirkte er als Honorarkonsul für Portugal und war Mitglied des Außenhandelsausschusses des Reichsverbands der Deutschen Industrie. Seit 1928 stand er als Präsident der Industrie- und Handelskammer für die Niederlausitz in Cottbus vor. Zudem baute er eine bedeutende Kunstsammlung auf, zu der deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts und Werke des französischen Impressionismus und Nachimpressionismus gehörten (Abb. 8).

Nach Überwindung der Krisenjahre und einer Konsolidierung ließ das Unternehmen in Guben in den 1920er Jahren eine ganze Reihe neuer Fabrikgebäude errichten, die den Arbeitern bessere Arbeitsbedingungen ermöglichen sollten. Neben den beiden eigenen Betriebskrankenkassen hatte die Firma auch eine Unterstützungskasse und verschiedene Wohlfahrtsfonds für die Belegschaft eingerichtet, die der Inflation nach dem Krieg zum Opfer gefallen waren und nun neu eingerichtet wurden. Die Zahl der Gesamtbelegschaft stieg in dieser Zeit auf 4.800 Arbeiter und Angestellte (Der Konzern 1928, 219).

Die auf eine Konjunkturphase (1927/28) folgende Weltwirtschaftskrise stellte das Unternehmen erneut vor Probleme. Der weltweite Absatz brach ein, ein Teil der Maschinen wurde stillgelegt. Besonders die kostenintensiven Haarhüte konnten kaum noch abgesetzt werden. Die Folge war eine Zusammenfassung der Haarhutabteilung in den ehemaligen „Lißner“-Werken zu einem neuen Betrieb. Gleichzeitig versuchte man den Grad der Technisierung weiter zu erhöhen, um so die Produktionskosten zu senken (50 Jahre 1938, 44).

Während der NS-Zeit wuchs das Unternehmen in den 1930er Jahren, u.a. auch durch Beteiligungen an weiteren Firmen. 1937 übernahm man die „Gubener Hutfabrik AG, vorm. Steinke & Co.“, die dem jüdischen Unternehmer Martin Rosenthal gehörte, der unter dem Druck der damaligen Verhältnisse verkaufte und im selben Jahr in die Niederlande emigrierte (Krönert / Leibger 1995, 51).

Die jüdische Abstammung des Generaldirektors Alexander Lewin wurde letztlich auch ihm zum Verhängnis. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 hatten sich die Lebensumstände für die jüdische Familie nachhaltig verschlechtert. Noch am 6. März 1933 war Alexander Lewin erneut einstimmig zum Vorsitzenden der Industrie- und Handelskammer in Cottbus wiedergewählt worden, musste durch den Druck der neuen Regierung dieses Amt jedoch bereits einen Monat später aufgeben. 1934 erfolgte eine Namensänderung der Firma. Aus der „Berlin-Gubener Hutfabrik A.-G., vorm. A. Cohn“ wurde die „Berlin-Gubener Hutfabrik Aktiengesellschaft“. Die Tilgung des jüdischen Gründers der Firma im Namen erfolgte sicher nicht ohne Grund (Abb. 9).

1938 erschien aus Anlass des 50jährigen Bestehens eine Festschrift, die den Generaldirektor noch scheinbar einträchtig neben seinen engsten Mitarbeitern zeigt (Abb. 10) (50 Jahre 1938, 5). Im selben Jahr reiste Lewin – zunächst offiziell als Kuraufenthalt bezeichnet – in die Schweiz. Anfang September 1938 legte er sein Vorstandsamt in der „Berlin-Gubener Hutfabrik AG“ nieder. Nachdem er im März 1939 bekannt gab, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren, wurde sein gesamtes in Deutschland befindliches Vermögen gesperrt. Er konnte jedoch sein Umzugsgut – ohne nennenswerte Wertsachen – noch am 21. Juni 1939 ausführen. Am 4. August 1941 entzog ihm der Reichsinnenminister die deutsche Staatsbürgerschaft und sein Vermögen wurde konfisziert. Alexander Lewin starb 1942 im Alter von 63 Jahren in der Schweiz.

Während des Zweiten Weltkrieges kam es ab 1942 zu kriegsbedingten Einschränkungen des Betriebes und der Stilllegung einiger Betriebsteile. Andere Bereiche wurden für die Rüstungsproduktion eingerichtet. Nach dem Krieg konnten von den sieben im Jahre 1939 existierenden Hutfabriken nur drei die Produktion wiederaufnehmen, u.a. auch die „Berlin-Gubener Hutfabrik“. Sie wurde enteignet und in den „VEB Berlin-Gubener Hutfabrik“ umgewandelt.

Literatur

50 Jahre Berlin-Gubener Hutfabrik Aktiengesellschaft 1888 - 1938. o.O. 1938.

Berlin-Gubener Hutfabrik Aktiengesellschaft Guben. In: Magistrat Guben (Hrsg.): Deutschlands Städtebau Guben. Berlin 1922, S. 39-42.

Bilder aus der Märkischen Industrie. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens des Märkischen Bezirksvereins des Vereins deutscher Ingenieure. 1887-1912. Frankfurt a. Oder 1912.

Der Konzern der Berlin-Gubener Hutfabrik A.G. In: Stein, Erwin (Hrsg.): Monographien deutscher Städte. Band XXV Guben. Berlin 1928, S. 214-220.

Die Berlin-Gubener Hutfabrik-Actiengesellschaft, Vormals A. Cohn, Guben eine Festschrift zur Feier ihres 25jährigen Bestehens, 16. April 1913.

Gander, Karl: Geschichte der Stadt Guben. Guben 1925.

Kersten, Dr.: Die Gubener Hutindustrie. In: Stein, Erwin (Hrsg.): Monographien deutscher Städte. Band XXV Guben. Berlin 1928, S. 177-180.

Krönert, Gertraute/ Leibger, Heide: Tuchstädte der Niederlausitz gestern und heute. Forst, Guben, Spremberg, Finsterwalde. Dokumentarisches Auf und Ab in einem traditionsreichen Berufszweig. Cottbus 1995.

Zum Andenken an das 25-jährige Bestehen der Berlin-Gubener Hutfabrik AG, vorm. A. Cohn. Berlin 1913.

Abbildungsnachweis

Abb. 1, 3-5 Festschrift 1912.

Abb. 2 Die Berlin-Gubener Hutfabrik 1913.

Abb. 6, 9, 10 50 Jahre 1938.

Abb. 7 Berlin-Gubener Hutfabrik 1922.

Abb. 8 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=110409150 (Foto: Clemensfranz - CC BY-SA 4.0)

Empfohlene Zitierweise

Czech, Vinzenz: Berlin-Gubener Hutfabrik AG, publiziert am 20.10.2023; in: Industriegeschichte Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)


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