Maschinenfabrik Franz Seiffert & Co., Eberswalde

Julian-Dakota Bock

Franz Seiffert machte sich 1884 selbständig als Civil-Ingenieur und Sachverständiger für Dampfmaschinen. Erfolg brachte ihm die Hinwendung zur Elektrotechnik, insbesondere zur Nutzung von Elektrizität für Beleuchtungs- und Antriebszwecke. Sowohl hier wie bei den Dampfmaschinen gelangen ihm wichtige Verbesserungen und Neuentwicklungen, die patentiert wurden. Seifferts Bruder Otto trat 1888 als kaufmännischer Geschäftsführer ein. 1893 bezog das Unternehmen, das nun als „Franz Seiffert & Co., Civilingenieur, Techn. Büro für Dampf- und Fabrikanlagen“ firmierte, im Südosten Berlins größere Räumlichkeiten. Seiffert setzte bei seinen Heizanlagen ganz auf Stahlrohre. Die Voraussetzung dafür boten die technologisch neuartigen Mannesmannröhren, die aus dem massiven Stahlblock nahtlos gewalzt wurden. Seiffert setzte als erster diese Erzeugnisse als Kesselrohre ein und trug zu deren rascher Verbreitung bei. Die Firma avancierte schnell zu einem der wichtigsten Hersteller industriell gefertigter Rohrleitungen in Deutschland und Europa.  Einer ihrer ersten größeren Aufträge bestand darin, ein Kraftwerk in der Berliner Innenstadt mit Rohrleitungen zu versorgen.

Durch den Erwerb der bei Eberswalde (Eisenspalterei) gelegenen kleinen Eisengießerei von Gerlach & Kreil machte er sich 1898 unabhängig von den für seine Anlagen benötigten Armaturenlieferungen. In der Folge erweiterte Seiffert die Firma 1900 durch Angliederung einer Dreherei, 1901 durch eine Gießerei und mechanische Werkstatt, 1902 durch eine Apparatenschmiede und Tempergießerei, 1903 durch Anbau einer Graugussgießerei und 1906 durch Einrichtung einer Stahlgießerei. Die erweiterte Anlage firmierte fortan unter „Maschinenfabrik Franz Seiffert & Co.“, Berlin-Eberswalde, seit 1905 als AG (Abb. 1-9).

Zu den herausragenden Großaufträgen zählten 1899 die komplette Rohrleitungsanlage für die Elektrizitäts-Zentrale in Madrid, 1900 die gesamten Dampfrohrleitungen zur Versorgung aller auf der Weltausstellung in Paris ausgestellten Dampfmaschinen. 1902 listete ein Musterbuch für die große Industrieausstellung in Düsseldorf 84 Rohrleitungsanlagen Seifferts in vielen europäischen Ländern, in Südamerika und in Afrika auf. Im Jahr 1908 hatte die Firma bereits ca. 3000 Anlagen global ausgeliefert und sich 1912 in verschiedenen europäischen Ländern niedergelassen.

Niederlassungen und Technische Büros bestanden in sechs deutschen Städten, außerdem in Budapest, Moskau und Wien; neben dem Werk in Eberswalde gab es Produktionsstätten in Bochum und Merseburg. 56 Patente und 127 Gebrauchsmuster sind allein auf den Namen Seiffert ausgestellt.

Für die herzustellenden Entwürfe von Hochdruckdampfleitungen beschäftigt die Firma 1907 in ihrem Berliner Projektenbüro und in Eberswalde im technischen Kontor 104 Beamte, zur Anfertigung der Erzeugnisse 180 Arbeiter, deren Zahl auf 300 gesteigert werden könnte, „wenn genügend Personal vorhanden wäre“ (Aurich 1907, 63), und zur Anlage der Rohrleitungen an Ort und Stelle 45 Monteure und 140 Hilfsarbeiter, im Ganzen 469 Personen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 veränderte sich auch die Produktpalette der Firma. Statt Rohrleitungen wurde nun überwiegend Munition produziert. 1918 waren bereits fast 1000 Mitarbeiter beschäftigt, davon über 200 im Berliner Zentralbüro.

In der Zwischenkriegszeit erfuhr das Werk mehrere einschneidende Veränderungen. Zum einen wurde das Werksgelände 1923 an die Bahn angeschlossen sowie um eine Werkssiedlung erweitert. Mit dem Kraftwerk Klingenberg in Berlin versorgte man 1925/26 eines der ersten Großkraftwerke mit Rohrleitungen. Im Jahr 1938 wurde der Betrieb vom Mannesmann-Konzern übernommen.

Wie bereits von 1914-1918 wurde die Produktion bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auf Rüstungsgüter umgestellt. In diesem Zeitraum beschäftigte die Firma ca. 3.500 Mitarbeiter, wozu auch Zwangsarbeiter zählten. Nach Abschluss von Bergungs- und Aufräumarbeiten nach Kriegsende konnte die Produktion zum 2. Mai 1946 wiederaufgenommen werden. Das Produktsortiment beinhaltete Hausartikel sowie landwirtschaftliche Geräte. Zu diesem Zeitpunkt firmierte die Firma als Zweigbetrieb der Franz Seiffert Co. KG. Im Februar 1947 erfolgte die Überführung des Betriebes in volkseigenen Besitz.

Literatur

Aurich, H.: Die Industrie am Finowkanal. Bilder aus dem Industrieleben am Finowkanal. Eberswalde 1907, S. 61-77.

Gambke, Helmut: Seiffert, Franz. In: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 190-191 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd140554955.html#ndbcontent

Mallok, Jörn: Metallindustrielle im Finowtal. In: Eberswalder Jahrbuch 2017, S. 90-117.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 Industrie. Kultur. Landschaft. Entdeckungsreise zu Industriedenkmalen in
Eberswalde und dem Finowtal. Eberswalde 2016.

Abb. 2-9 Aurich, H.: Die Industrie am Finowkanal. Bilder aus dem Industrieleben am Finowkanal. Eberswalde 1907.

Empfohlene Zitierweise

Bock, Julian-Dakota: Maschinenfabrik Franz Seiffert & Co., Eberswalde, publiziert am 16.03.2022; in: Industriegeschichte Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)


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