Gehren/Riedebeck (Landkreis Dahme-Spreewald) - Hügel- und Reihengräber

Anja Grothe, Thomas Kersting, Susanne Storch

Einleitung

In der Niederlausitz siedelten im frühen und hohen Mittelalter die slawischen Lusizi, die erstmals beim ins 9. Jahrhundert datierten sogenannten Bayerischen Geographen erwähnt wurden und 932 in das Blickfeld der ostfränkischen Expansion unter König Heinrich I. gelangten. Die hier auf zahlreichen kleinen Ringwällen des sogenannten Tornower Typs innerhalb einer dichten Siedlungslandschaft (Abb. 1) sitzenden Herrschaftsträger mussten von da an wohl eine ostfränkische Oberherrschaft akzeptieren, 948/49 wurde das Gebiet auch dem Sprengel des neu eingerichteten Bistums Brandenburg zugeschlagen. Eine regelrechte Unterwerfung, die auch zur Zerschlagung der autochthonen Machtstrukturen und zur Aufgabe der letzten kleinen Rundwälle führte, brachten aber erst die Angriffe des ostfränkischen Markgrafen Gero in den 960er Jahren mit sich. Von da an wurde das Gebiet dauerhaft in das ostfränkisch-deutsche Markensystem integriert (Biermann 2000, 30–33; Biermann/Kersting 2017, 105f.; Henning 2002). Während die vielen Burgen und auch das offene Siedlungswesen der bewegten Zeiten zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert in der Niederlausitz vergleichsweise gut erforscht sind, ist über die Grabsitten deutlich weniger bekannt. Die Erforschung eines Gräberfeldes bei Gehren (Landkreis Dahme-Spreewald), gleich neben dem Tornower Ringwall von Riedebeck, bringt hierzu neue Einsichten (Grothe u.a. 2019).

Der Fundplatz (Gehren Fpl. 21) befindet sich etwa 7 km südwestlich von Luckau, zwischen den Orten Riedebeck und Gehren, nordöstlich der Saale-III-zeitlichen Endmoräne des Lausitzer Grenzwalls im Luckau-Calauer Becken. Im Osten schließt sich der sumpfige Spreewald an, der von der Vorgeschichte bis in das späte Mittelalter nur beschränkte Siedlungsnutzung zuließ. Das auf einer flachen Terrasse an der Niederung gelegene Gräberfeld befindet sich nordwestlich des Burg-Siedlungskomplexes von Riedebeck (Fpl. 1, 20). Dessen Mittelpunkt bildet die „Alte Schanze“, ein kleiner Ringwall des Tornower Typs aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und dem 10. Jahrhundert (Henning 1998, 15). Luftbilder belegen eine ausgedehnte, von mehreren Gräben befestigte Vorburgsiedlung im Westen und Nordwesten (Abb. 2). Mindestens vier weitere offene slawische Siedlungen liegen in einem Umkreis von nicht einmal 3 km. Unweit befindet sich die berühmte Höhenburg auf dem „Grünen Berg“ von Gehren, die mit der ostfränkisch-deutschen, wohl auf Markgraf Gero zurückgehenden Befestigung Jarina verknüpft wird (Gebuhr 2007). Zu der bedeutenden mittel- und spätslawischen Siedlungskonzentration gehören auch die hier betrachteten Gräber.

Die Ausgrabungen von 2017 fanden im Rahmen des Leitungsbaus für die EUGAL-Pipeline statt und schlossen an die 2010 erfolgten Untersuchungen beim Bau der OPAL-Pipeline an, als der ältere Teil des slawischen Friedhofs mit Resten dreier Grabhügel erfasst wurde (Wenzel 2014). In der Kampagne von 2017 wurde die jüngere Phase des Gräberfelds untersucht (Abb. 3, 4). Zu den bereits bekannten 15 Bestattungen kamen nun noch 13 weitere, durchweg Körperbestattungen. Neben den slawischen Gräbern wurden auf der 6.390 m² großen Grabungsfläche auch zahlreiche Gruben einer bronzezeitlichen Siedlung festgestellt.

Das Gräberfeld Gehren 21 - Grabbau und Ausstattung

Die Gräber waren mit kleineren Abweichungen West-Ost ausgerichtet (mit den Schädeln im Westen), die Tote allesamt gestreckt auf den Rücken gelegt. Sie bildeten zwei Reihen, die jeweils von Nord nach Süd liefen: 11 Bestattungen in einer, die beiden verbliebenen in einer zweiten, parallelen Reihe. Mit den zugehörigen Bestattungen aus der ersten Kampagne von 2010 sind in der westlicheren Reihe von etwa 18 m Länge 14 Gräber und fünf weitere in der östlicheren, etwa 11 m langen Reihe beigesetzt (Abb. 5, 6).

Zum Grabbau und zur Ausstattung konnte eine Vielzahl von Details beobachtet werden: 11 der 13 Gräber waren Bestattungen von Erwachsenen, lediglich zwei Kindergräber. Die Grabgruben waren zwischen 1,38 m (Kindergrab Bef. 536) und 2,84 m (Erwachsenengrab Bef. 526) lang, in der Breite differierten sie zwischen 0,62 m und 1,08 m. Eingetieft waren die Gräber zwischen 0,15 und 0,35 m, wobei die Kinder – wie üblich – besonders flach niedergelegt worden waren. 12 Gräber wiesen deutliche Spuren von sargartigen Holzeinbauten auf. Der fehlende Nachweis in einem der Kindergräber dürfte mit der schwachen Eintiefung und somit mit der guten Durchlüftung des Bodens zu erklären sein. Die Holzverfärbungen waren zwischen 1,28 m und 2,26 m lang, dabei zwischen 0,3 m und 0,56 m breit, somit auf den jeweiligen Verstorbenen angepasst. Soweit sich dies über die Untersuchung der Grabgruben feststellen ließ, stammten die Holzreste von kistenartigen Särgen. In einem Grab (Bef. 523) waren Querverstrebungen im Bodenbereich, bei einem anderen (Bef. 526) ein Deckel im Detail nachweisbar. Bei diesem Grab fand sich eine weitere Besonderheit: ein Stein mit einer Kantenlänge von 27 cm lag auf dem Sargdeckel. Möglicherweise sollte der Findling bewirken, dass der Bestattete nicht als Wiedergänger in das Reich der Lebenden zurückkehren konnte. In zwei anderen Gräbern (Bef. 110, 45) dienten flache Steine offenbar als Unterlagen für Beigaben aus organischem Material (Wenzel 2014, 63).
In vielen Grabgrubenverfüllungen fanden sich ferner bronzezeitliche Keramikfragmente, die aus den älteren Siedlungsbefunden umgelagert worden sind.

Anthropologische Beobachtungen an den Skeletten

Nach der Freilegung der Skelette wurden diese in situ osteologisch begutachtet. Nur bei drei Individuen waren etwa 50 % des Knochenmaterials erhalten. Die Knochenoberfläche war in allen Fällen stark erodiert, große Bereiche der Langknochen nur noch als Leichenschatten erhalten. Lediglich der Schädelbereich war oft weitaus besser erhalten als das postkraniale Skelett (Abb. 7). Die anthropologischen Bestimmungen der 2017 geborgenen 13 Skelette ergab jeweils fünf männliche und weibliche Personen. Ein Skelett blieb indifferent. Für zwei weitere Individuen war es nicht möglich, ein Geschlecht anzugeben, da es sich bei ihnen um Kinder der Altersklassen Infans I bzw. Infans II handelt. Die beiden Menschen waren im Alter zwischen drei und sechs Jahren verstorben. Kindergräber erscheinen damit selten in Gehren 21. Sechs weitere Individuen verstarben vor dem 40. Lebensjahr, vier weitere waren älter als 40 Jahre. Ein Grab (Bef. 534) barg offenbar eine Person im Greisenalter: Sowohl im Unter- als auch im Oberkiefer waren alle Zähne zu Lebzeiten und lange vor Eintritt des Todes ausgefallen. Zudem waren die zahnlosen Kieferknochen stark abgeflacht und abgebaut. Aufgrund der sehr schlechten Knochenerhaltung sind die ermittelten Daten nur bedingt auswertbar. Krankheiten können kaum diagnostiziert werden. Damit dürfte sich auch die niedrige Kariesfrequenz von 20 % erklären. Dass aber bei den hier Bestatteten eine deutlich höhere Krankheitsbelastung vorgelegen haben muss, belegt ausschnitthaft das Grab Bef. 532. Dieser ca. 35- bis 50-jährige Mann stellt das am besten erhaltene Skelett der Serie dar und weist dementsprechend viele Pathologien auf, die von Erkrankungen des Zahnhalteapparates über Polyarthrose an den verschiedensten Gelenken bis hin zu Morbus Scheuermann und Osteochondrosis dissecans reichen.

Beigaben und Trachtbestandteile aus den Gräbern

Zwei der Erwachsenen- und beide Kindergräber enthielten Beigaben. In einem Grab (Bef. 524) war auf den Schneidezähnen eines männlichen Individuums der Rest einer Münze zu erkennen, deren schlechte Erhaltung jedoch eine Bergung oder Bestimmung verhinderte. Einen Schläfenring – typischer weibliche Schmuck –trug die osteologisch als einzige Jugendliche bestimmte Frau aus Grab Bef. 523. Auch wenn ihre Grablege durch Tieraktivitäten zerwühlt war, lässt sich der im Bereich des rechten Oberarms verlagerte Schläfenring doch dem Kopfschmuck zuweisen (Abb. 8 Nr. 1). Das massive, mit 1,6 cm Durchmesser recht kleine Stück mit S-förmiger Schleife und stumpfem Ende besteht aus Bronze oder geringwertigem Silber. Somit gehört der Schläfenring zu den kleinen Exemplaren der Größenklasse I nach A. Pollex (2010). Ein ganz ähnliches Stück liegt aus einem Grab (Bef. 248) der Ausgrabung von 2010 vor, etwa 8 m nördlich in derselben Gräberreihe.

Die bemerkenswerteste Beigabe lieferte eines der Kindergräber (Bef. 536) (Abb. 9): Einen Hals- oder Kopfschmuck aus 114 weißlichen bis weißlich-gelben, winzigen Glasperlen, zwei blauen Glasperlen von etwa 1,2 cm Durchmesser, drei hellgrünen Glasperlen von 0,8–1,1 cm Durchmesser, drei Bernsteinperlen von 0,7–1,0 cm Durchmesser und drei Karneolperlen unterschiedlicher Formgebung. Die aus dem Kaukasusgebiet stammenden Karneolperlen sind flachkugelig oder langgezogen polyedrisch (Durchmesser 0,5–0,95 cm) (Abb. 8 Nr. 2–9). Aufgrund der Lage der Perlen in Reihen vor dem Gesichtsschädel, zumeist auf Höhe des Kinns, sowie einer Aufteilung der blauen Glas- und rötlichen Bernstein- und Karneolperlen auf der linken und rechten Gesichtsseite handelt es sich vermutlich um eine Halskette, wobei aber auch an auf Stoff aufgenähten Perlenschmuck, vielleicht sogar ein verrutschtes, mit Perlen besticktes Stirnband gedacht werden könnte. Auch das zweite Kindergrab (Bef. 537) barg Perlen: zwei aus Karneol fanden sich im Schädelbereich, ein Exemplar im vorderen Schädelbereich, ein zweites in der unteren Grabgrube. Die flachkugeligen Exemplare messen 0,8–1,2 cm im Durchmesser. Eine dritte Perle, zylindrisch und aus gelblichem Glas, wurde im Schulter-/Kopfbereich gefunden.

Perlen sind typischer Schmuck der mittel- und spätslawischen Zeit. Während Glasperlen im polabischen Raum erzeugt wurden, kamen die Bernsteinperlen mit dem Ostseehandel aus den baltischen Gebieten an die polabischen Küsten, die aus dem Kaukasus stammenden Karneolperlen über die Kiewer Rus ebenfalls über das Meer (Brather 2008, 287). Von dort aus wurden sie, wie die Funde von Gehren erneut zeigen, weit ins nordwestslawische Binnenland verhandelt. Somit deuten die Perlen in den Gräbern einen gewissen Wohlstand der Familien zu Lebzeiten der Kinder an.

Chronologie und Entwicklung des Gräberfeldes

Im Ergebnis der beiden Trassengrabungen von 2010 und 2013 umfasst das Gräberfeld 28 Körperbestattungen, 22 für Erwachsene und sechs für Kinder. Ausgangspunkt des Gräberfeldes waren zwei ältere Grabhügel, deren Aushubgräben nördlich und östlich der beschriebenen Gräber im Jahre 2010 angetroffen wurden (Abb. 6). Mit einem Durchmesser von etwa 13 m für den östlichen, annähernd rechteckigen Graben und 9,5 m für den westlich gelegenen Graben dürften sie deutlich sichtbare Hügel besessen haben. Angelegt wurden sie offensichtlich in mittelslawischer Zeit für Brandbestattungen, denn in geringen Mengen fanden sich umgelagerter Leichenbrand sowie mittelslawische Keramik in den Gräben des größeren Hügels. Dazu trat verlagerter Leichenbrand in einer nahegelegenen Grube eines Körpergrabes. Die Bestattungen dürften somit oberflächennah oder sogar oben auf den Hügeln erfolgt sein, wie es bei Brandhügelgräbern des 10. Jahrhunderts aus der Niederlausitz bereits bekannt ist (Wetzel 1979). Zu den beiden erforschten Hügeln kommen die Aushubgräben einer dritten Aufschüttung südlich des großen Rechteckgräbchens. Von diesem Befund hatten sich 2010 nur schwer deutbare Reste feststellen lassen (Renner 2010; Renner 2012), die in Kombination mit Bewuchsmerkmalen aus einem Luftbild von 2006 aber die Deutung als drittes Hügelgrab zulassen.

Auf die Hügel orientiert waren neun Körpergräber, die sich mit Ausnahme von Grab Bef. 37 (Süd-Nord-ausgerichtet) zwar auch mit einer Tendenz zur West-Ost-Ausrichtung zeigten, aber anders als die oben skizzierten Gräber nicht in Reihen lagen. In zwei der auf die Hügel ausgerichteten Gräber hatte man den Toten Gefäße mittel- bis spätslawischer Zeitstellung – also echte Beigaben – beigefügt. Zudem kamen Eisenmesser und eine eiserne Schnalle ans Tageslicht. Das Säuglingsgrab mit der Schelle (Bef. 133) und das Frauengrab mit Schläfenring (Bef. 248) liegen zwar in unmittelbarer Nähe zum kleineren Hügel, bilden gleichzeitig aber den nördlichen Beginn der gereihten Gräber. Auch hier fanden sich in zwei Gräbern keramische Beigaben (Bef. 121, 248), die desgleichen in das 10./11. Jahrhundert datiert werden können. Aufgrund der Funde mittelslawischer, zerscherbter Keramik in den Aushubgräben der Hügel dürfte der Beginn der Bestattungen im 9./10. Jahrhundert anzusetzen sein. Im Ganzen lässt sich eine dreiphasige Belegung annehmen: Eine erste Phase mit Brandbestattungen auf den Hügeln aus dem 9./10. Jahrhundert, eine zweite Phase mit Übergang zur Körperbestattung, auf die Grabhügel orientierten Körpergräbern und Gefäßbeigaben im späteren 10. und frühen 11. Jahrhundert sowie eine dritte Phase mit beigabenarmen Körperbestattungen in zwei annähernd parallelen Reihen, die auch angesichts des kleinen Schläfenrings in das 11. Jahrhundert zu setzen sind. Die erste Phase des Gräberfeldes entspricht mithin zeitlich ungefähr dem Burgwall Riedebeck, an dessen mindestens vierphasigem Wall Baumaßnahmen durch Jahrringdaten zwischen 886 +/-10 und 949 +/-10 angezeigt werden (Henning 1998, 13, 15 Abb. 4). So liegt hier der eher seltene Fall vor, dass das Gräberfeld eines mittelslawischen Burg-Siedlungskomplexes nachgewiesen werden kann. Die jüngeren Körpergrabphasen von Gehren 21 werden den Bewohnern der offenen Siedlung gedient haben, die sich aus der Vorburgsiedlung des wohl im dritten Viertel des 10. Jahrhunderts aufgegebenen Burgwalls entwickelte. Mit der Erforschung der Bestattungsplätze von Gehren 21 und dem nahen Waltersdorf 22 (Köllner 2012; Wenzel 2014) wird jedenfalls unsere Kenntnis der Entwicklung des Bestattungswesens im Siedlungsgebiet der Lusizi nachhaltig bereichert (Biermann 2000, 90–94; Biermann/Kersting 2017, 115f.). Insbesondere gewinnen wir Einblicke in die Modalitäten und chronologischen Verhältnisse des Übergangs von der Brandbestattung, die in der Lausitz oft mit Hügeln einherging, zur Körpergrabsitte, wobei christliche Vorbilder sicher eine Rolle gespielt haben. Dazu wird der im 10. Jh. zunehmende politische, religiöse und kulturelle Einfluss des Ostfränkischen Reiches sicher beigetragen haben.

Siedlungskammer mit Fernverbindungen

Die Karneol- und Bernsteinperlen, die einen gewissen Wohlstand und (sicherlich mittelbare) Handelsverbindungen der Bewohner der Siedlungskammer bei Gehren/Riedebeck im 11. Jahrhundert anzeigen, nehmen offensichtlich eine bis in die mittelslawische Epoche zurückgehende Tradition auf. Bei Metalldetektorprospektionen, die im Bereich des Burgwalls Riedebeck und seiner Vorburgen vorgenommen wurden (u.a. Fpl. Gehren 2, Riedebeck 3), traten überaus interessante Metallfunde auf. Mit dem Fragment eines 901 n.Chr. in Andarâba im heutigen Nord-Afghanistan geschlagenen Dirhams des Ahmad ibn Abî-Dawûd Muhammad (Bestimmung Dr. L. Ilisch, Tübingen), einem Vasallen des Samidenreiches (Abb. 10 Nr. 1), zeigen sich weitreichende Kontakte der Region, die auch durch einen weiteren, 910 geschlagenen Dirham aus dem etwa 10 km entfernten Rüdingsdorf (Landkreis Dahme-Spreewald) (Detektorfund), bestätigt werden (Abb. 10 Nr. 2). Dies mag eine mehr oder weniger direkte Beteiligung am Handel jener Zeit gewesen sein, der z. B. Pelzwerk, landwirtschaftliche Produkte und Honig, aber auch Sklaven umfasst haben mag. Die weitgespannten Handelsbeziehungen bestanden entweder durch die christlichen Reiche des Westens nach Spanien oder über die Flüsse des Ostens, vermutlich mit den Wikingern als Vermittler ins „Kerngebiet“ des Byzantinischen Reiches und darüber hinaus (vgl. Lombard 1992, 201 Anm. 21). Das ebenfalls bei der Metalldetektorsuche gefundene Beschlagstück eines Gürtels gehört zu einer sog. vielteiligen awarischen Gürtelgarnitur, die in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Karpatenbecken vorkommen; erst jüngst wurden awarische Stücke ähnlicher Art bei Weseram im Havelland geborgen (Biermann u.a. 2018). Natürlich lassen diese Funde noch kein weitreichendes Urteil über den wirtschaftlichen Charakter des Burg-Siedlungskomplexes zu, dessen herrschaftlich-militärische Bedeutung durch den Ringwall angezeigt wird. Dafür wären sicherlich Ausgrabungen in der Burg und den Vorburgsiedlungen notwendig. Sie werfen aber Schlaglichter auf letztlich überraschend weitreichende, wenn auch sicherlich über viele Zwischenschritte hergestellte Verbindungen der Lusizi in weit entfernte Räume zumindest seit mittelslawischer Zeit.

 

Der Beitrag erschien 2019 unter dem Titel: Grothe, Anja / Kersting, Thomas / Storch, Susanne: Ruhe sanft – im Schatten der Burg. Das slawische Gräberfeld von Gehren, Lkr. Dahme-Spreewald. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2017. Darmstadt 2019, S. 87–91.

Literatur

Biermann, Felix: Slawische Besiedlung zwischen Elbe, Neiße und Lubsza. Archäologische Studien zum Siedlungswesen und zur Sachkultur des frühen und hohen Mittelalters (= Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie; 65). Bonn 2000.

Biermann, Felix / Kersting, Thomas: Archäologie der Slawenzeit seit der Wende. In: Meyer, Michael / Schopper, Franz /Wemhoff, Matthias (Hrsg.): Feuerstein, Fibel, Fluchttunnel. Archäologie in Berlin und Brandenburg 25 Jahre nach der Wende (= Denkmalpflege in Berlin und Brandenburg, Arbeitshefte; 5). Petersberg 2017, S. 101–120.

Biermann, Felix / Kersting, Thomas / Lobinger, Christoph: Kultureller Schmelztiegel Havelland. Ungewöhnliche germanische, awarische und slawische Funde von Weseram, Lkr. Potsdam-Mittelmark. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2016. Darmstadt 2018, S. 74–75.

Brather, Sebastian: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. Ergbd (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde; 61). Berlin/New York 2008.

Gebuhr, Ralf: Jarina und Liubusua. Kulturhistorische Studie zur Archäologie frühgeschichtlicher Burgen im Elbe-Elster-Raum (= Studien zur Archäologie Europas; 6). Bonn 2007.

Grothe, Anja / Kersting, Thomas / Storch, Susanne: Ruhe sanft – im Schatten der Burg. Das slawische Gräberfeld von Gehren, Lkr. Dahme-Spreewald. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2017. Darmstadt 2019, S. 87–91.

Henning, Joachim: Archäologische Forschungen an Ringwällen in Niederungslage: Die Niederlausitz als Burgenlandschaft des östlichen Mitteleuropas im frühen Mittelalter. In: Henning, Joachim / Ruttkay, Alexander T. (Hrsg.): Frühmittelalterlicher Burgenbau in Mittel- und Osteuropa. Bonn 1998, S. 8–21.

Henning, Joachim: Der slawische Siedlungsraum und die ottonische Expansion östlich der Elbe: Ereignisgeschichte – Archäologie – Dendrochronologie. In: Henning, Joachim (Hrsg.): Europa im 10. Jahrhundert: Archäologie einer Aufbruchszeit. Internationale Tagung in Vorbereitung der Ausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“. Mainz 2002. S. 131–146.

Köllner, Antje: Grabhügel und Flachgräber: Der slawische Bestattungsplatz Waltersdorf 22, Lkr. Dahme-Spreewald. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2010. Darmstadt 2012, S. 89–91.

Lombard, Maurice: Blütezeit des Islam. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Frankfurt/M. 1992.

Pollex, Axel: Glaubensvorstellungen im Wandel. Eine archäologische Analyse der Körpergräber des 10. bis 13. Jahrhunderts im nordwestslawischen Raum (= Berliner archäologische Forschungen; 6). Rahden/Westf. 2010.

Renner, Beate: Bericht über die archäologische Hauptuntersuchung des Fundplatzes Gehren 21, Landkreis Dahme-Spreewald (OPAL-Aktivitäts-Nr. 2008:150/154G). Unveröffentlichter Grabungsbericht BLDAM. Wünsdorf 2010.

Renner, Beate: Blick in unruhige Zeiten: Das slawische Gräberfeld Gehren 21, Lkr. Dahme-Spreewald. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2010. Darmstadt 2012, 85–87.

Wenzel, Katharina: Zwei birituelle Gräberfelder der Slawenzeit: die Fundplätze Gehren 21 und Waltersdorf 22 in der Niederlausitz (= Einsichten 2010/2011. Arbeitsberichte der Bodendenkmalpflege Brandenburg 24, 2013). Wünsdorf 2014, S. 55–80.

Wetzel, Günter: Slawische Hügelgräber bei Gahro, Kr. Finsterwalde. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 12 (1979), S. 129–158.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 S. Schwarzländer, BLDAM.

Abb. 2 J. Wacker, BLDAM.

Abb. 3, 4, 7, 9 C. Becker, BLDAM.

Abb. 5, 6 A. Grothe, BLDAM.

Abb. 8 A. Buhlke, A. Grothe, BLDAM.

Abb. 10 A. Buhlke, BLDAM.

Empfohlene Zitierweise

Grothe, Anja / Kersting, Thomas / Storch, Susanne: Gehren/Riedebeck (Landkreis Dahme-Spreewald) - Hügel- und Reihengräber, publiziert am 12.10.2023; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: <http://www.brandenburgikon.de/ (TT.MM.JJJJ)

 

Kategorien

Epochen: Ur- und Frühgeschichte - Land Brandenburg

Themen: Archäologie und Siedlung


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