Christoph Hamann

Die Landwirtschaftliche Erziehungsanstalt Struveshof (1917 – 1960) war eine Einrichtung der Berliner Jugendfürsorge am Rande der heutigen Stadt Ludwigsfelde. In den 1920er-Jahren galt sie als ein Reformprojekt der Fürsorgeerziehung, das national wie international große Beachtung fand.

Struveshof als Reformprojekt (1917 – 1933)

Den Überlegungen des Berliner Magistrats von 1911, eine „Landwirtschaftliche Erziehungsanstalt“ zu gründen, lagen pragmatische wie programmatische Motive zugrunde (Hamann 2017, 11-13; Bischoff/Lücke 2017, 35 – 57). Nach der Inkraftsetzung des preußischen „Gesetzes über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger“ im Jahr 1901 hatte sich in Berlin wie in Preußen bis 1914 die Zahl der Zöglinge in den Anstalten verachtfacht (Böttcher 1923, 21). Die vorhandenen Einrichtungen konnten die durch die Vormundschaftsgerichte festgestellte staatliche Schutzaufsicht über Kinder und Jugendliche bzw. den Bedarf an Unterbringungen nicht mehr abdecken. Der Magistrat wollte zudem die Fürsorgeerziehung nicht subsidiär den Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden überlassen. So beschloss die Berliner Stadtverordnetenversammlung 1913 die Errichtung der Erziehungsanstalt Struveshof (LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 1643). Mit dem Kriegsausbruch 1914 erhöhte sich der Handlungsdruck auf den Berliner Magistrat, denn die Zahl der von den Vormundschaftsgerichten für eine Erziehung im Heim vorgesehenen Zöglinge erhöhte sich aufgrund von familiären Notlagen rapide (z. B. durch den Tod des Vaters an der Front; LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 1643; Janisch 1818, 23 – 30; Hamann/Lücke 2020, 47, 52, 54, 58). Da nach der Mobilmachung 1914 qualifiziertes Personal für die Erziehung zunächst fehlte, konnte die Erziehungsanstalt erst zum 1. April 1917 eröffnet werden.

Die mit dem „Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger“ einsetzende quantitative Ausdehnung der sozialpädagogischen Intervention des Staates war verbunden mit qualitativ neuen Vorstellungen zu den Zielen und Methoden der Fürsorgeerziehung. Dies zeigte sich daran, auf welchen Personenkreis das Gesetz anzuwenden war. Es betraf nun nicht mehr allein straffällige und strafunmündige Kinder bzw. Jugendliche. Eine Fürsorgeerziehung sollte auch zur Anwendung kommen, wenn eine solche wegen der „Unzulänglichkeit der erzieherischen Einwirkung der Eltern oder sonstigen Erzieher oder der Schule zur Verhütung des völligen sittlichen Verderbens des Minderjährigen nothwendig“ war (Oberwittler 2000, 136). Neu war also eine kriminalpräventive Intervention bei denjenigen Kindern und Jugendlichen, die noch nicht straffällig geworden waren. Diese gesetzliche Neujustierung war programmatisch verbunden mit einem sozialpolitischen und -pädagogischen Paradigmenwechsel, demzufolge in den Anstalten weniger auf Bestrafung als auf Erziehung Wert gelegt werden sollte. Die Struveshofer Erziehungsprogrammatik orientierte sich unmittelbar an diesem Reformansatz. Der bis zum neuen Gesetz gebräuchliche Begriff der „Zwangserziehung“ wurde durch den der „Fürsorgeerziehung“ ersetzt. Damit sollte die strafrechtliche Herkunft der Zwangserziehung und die Assoziation mit einer Gefängnisstrafe vermieden und andererseits der Anspruch unterstrichen werden, fürsorgerisch-präventiv und pädagogisch zum Wohl der Kinder und Jugendlichen zu handeln. Der für die Fürsorgeerziehung in Berlin zuständige Obermagistratsrat Knaut formulierte diesen Anspruch aus Anlass der Gründung der Anstalt Struveshof wie folgt: „Es handelt sich um eine öffentliche Erziehung, die an Stelle der versagenden elterlichen Erziehung tritt. Berlin hat also die unabweisliche Pflicht, die ihm anvertrauten Kinder in einer ihren eigenen Interessen, Fähigkeiten, Anlagen und sonstigen Verhältnissen entsprechenden Art und Weise körperlich, geistig und sittlich auszubilden und sie zu einem Lebensberufe fähig zu machen und hat dies in der bestmöglichen Weise zu tun“ (Knaut 1917, 66f.).

Die Gestaltung der neu errichteten Anstalt Struveshof (Architekt: Oberbaurat Franz Arnous im Magistrat von Berlin) knüpfte an das pädagogische Paradigma an und unterschied sich soweit von anderen Einrichtungen der Fürsorgeerziehung. August Rake, der Gründungsdirektor der Erziehungsanstalt, sprach 1918 von einem „Erziehungsdorf“, das „keine ‚Besserungsanstalt‘ im landläufigen Sinne“ sein sollte. Jeglicher Gedanke an eine Kaserne oder an ein Gefängnis sollte vermieden werden. „So gibt es weder hohe Mauern noch Stacheldraht, keinen Wall und keinen Graben, sondern frei und offen liegen die schmucken Landhäuser inmitten herrlicher Anlagen da.“ (Rake 1918, 402; siehe auch Hamann/Lücke 2020, 56)

Ambition und Ambivalenz

Auch für die Standortwahl waren pragmatische und programmatische Erwägungen ausschlaggebend. Schon 1887 hatte die Stadt Berlin das Vorwerk des Gutes Schenkendorf mit 450 Morgen Acker- und Rieselfläche für ein Stadtgut erworben. Der Stadt Berlin stand damit rund zwei Jahrzehnte später Baugrund für ein Erziehungsheim zur Verfügung. Außerdem waren Wirtschaftsgebäude schon vorhanden. Land und Bauten konnten für die Ausbildung der „Zöglinge“ in der Land- und Viehwirtschaft genutzt werden. Die erste Erwähnung des Namens „Struveshof“ stammt von 1905. Die Benennung erfolgte zur Ehrung des im Vorjahr verstorbenen Berliner Stadtrats Gustav Struve (1835 – 1904), der für die Berliner Stadtgüter und die Rieselfelder zuständig gewesen war.

In der Anstalt lebten in den 1920er-Jahren neben den rund 60 Waisenkindern im Alter von 7 bis 14 Jahren auch ungefähr 120 „schwer erziehbare“ bzw. straffällig gewordene Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren und bis zu 30 Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren mit besonderem Betreuungsbedarf. Diese wohnten in sogenannten „Familien“, d.h. in Gruppen von jeweils 20 Kindern und 30 Jugendlichen, für die jeweils ein Erzieher und mehrere Hilfserzieher verantwortlich waren. Orientierend war für dieses Modell das Konzept der Rettungshäuser des 19. Jahrhunderts (Johann Hinrich Wichern u.a.). Die „Familien“ wurden in verschiedenen Gebäuden untergebracht. Die schulpflichtigen Waisenkinder besuchten die anstaltseigene Schule auf dem Gelände; in zwei Inklusions-Klassen wurden Schüler mit besonderem Förderbedarf („Hilfsschulklassen“) unterrichtet. Vorbild für den Werkunterricht (Eisen-, Holz-, Papparbeiten) war Georg Kerschensteiners Arbeitsschulkonzept. Für die nicht mehr Schulpflichtigen wurde ein Förderunterricht angeboten, jedoch nur in den Wintermonaten. Für eine kurze Zeit waren vor 1933 auch Mädchen in der Erziehungsanstalt.

Das zentrale pädagogische Ziel der Anstalt war die „Erziehung zur Arbeit durch Arbeit“. Die Jugendlichen absolvierten eine einjährige Ausbildung für Tätigkeiten in der Land- und Viehwirtschaft; dies bezog auch handwerkliche Berufe mit ein. Im Anschluss an die Ausbildung folgte ein weiteres Jahr in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Umland. Der Orientierung auf Berufe in Land- und Viehwirtschaft lag eine Haltung zugrunde, die sich aus Großstadtkritik und Agrarromantik speiste und auch von Ideen der Lebensreform um 1900 beeinflusst war. Die Stadt mit ihren Lebensweisen und Anreizen sowie dysfunktionale Familien der „Zöglinge“ dort wurden als Ursachen für die Erziehungsprobleme gesehen. Letztlich scheiterte jedoch der Ansatz, Heranwachsende durch ihre „Verpflanzung“ aufs Land pädagogisch zu begleiten bzw. gesellschaftlich zu integrieren. Die in der Großstadt sozialisierten Jugendlichen kehrten nach ihrer Ausbildung in aller Regel nach Berlin zurück (Hamann/Lücke 2020, 61f.). Befördert wurde dies auch durch Konflikte mit Gleichaltrigen im Dorf, denen die „Anstaltsjungen“ als „minderwertig“ galten. Landwirte wiederum hatten Ansprüche an die Arbeit der Jugendlichen, die diese aufgrund ihrer Beeinträchtigungen vielfach nicht erfüllen konnten und wollten.

Neben Arbeit und Unterricht wurde vor allem in den 1920er-Jahren auch umfassend pädagogisch gearbeitet mit sportlichen Wettkämpfen (z.B. Fußball, Leichtathletik) und kulturellen Angeboten (z. B. Musik, Vorträge, Film, Radio) und wiederkehrenden jahreszeitlich gebundenen Festen. Die Anstalt wurde zeitgenössisch in der allgemeinen und Fachpresse auch deswegen vielfach als „Musteranstalt“ (Vossische Zeitung, 12.12.1928) der Fürsorgeerziehung gepriesen und von Fachleuten aus dem In- und dem Ausland besucht. (Abb. 1-7)

Struveshof in der Publizistik und Literatur

Die Methoden der Fürsorgeerziehung wurden Ende der 1920er-Jahre politisch kontrovers diskutiert. Auslöser dafür waren erstens über 20 Revolten in Erziehungsheimen im Deutschen Reich, zweitens die Texte von Jugendlichen aus dem Struveshof in dem Band „Jungen in Not“ (1928) des Schriftstellers und Malers Peter Martin Lampel und drittens das viel beachtete Drama „Revolte im Erziehungshaus“ (1929) desselben Autors (Werkstatt Alltagsgeschichte 2011, 201; Hamann 2013, 144 – 152; Bischoff/Lücke 2020, 39 – 57). Lampel hatte Anfang 1928 mehrere Wochen im Struveshof hospitiert. Die durch die Berichte öffentlich gemachten Missstände (z. B. sexuelle Gewalt zwischen den „Zöglingen“) konnten jedoch nur in eingeschränktem Maße auf Struveshof bezogen werden, denn die Jugendlichen waren zuvor schon in verschiedenen anderen Einrichtungen der Fürsorgeerziehung untergebracht. Lampel selbst jedenfalls stellte fest, „dass Struveshof eine der besten Anstalten ist, die es gibt“ (Vossische Zeitung, 18.1.1929).

Die Zeit des Nationalsozialismus

Die Zeit ab 1933 brachte erhebliche Änderungen für die „Zöglinge“ in Struveshof mit sich (die folgenden Ausführungen nach: Irmer 2017, 59 – 94). An die Stelle der Erziehung des Einzelnen und seiner individuellen Entwicklung trat die Erziehung zu einem Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Im Vordergrund stand die Disziplinierung der Kinder und Jugendlichen und eine Militarisierung des Anstaltslebens (Wehrsport, Schießübungen, Züchtigungen). Geprägt war die Erziehung mehr und mehr durch ein „System struktureller Misshandlung, in dem Erziehung durch Drill ersetzt und informelle Günstlingswirtschaft und Willkür Raum griffen“ (Irmer 2017, 84). Politisch verdächtige Mitarbeiter wurden entlassen. Einem Zeitzeugen zufolge war ein „erheblicher Teil des Personals vor 1933 republiktreu“ oder „gehörte z. T. der SPD an“ (Irmer 2017, 72). Struveshof diente einerseits als „Beobachtungs- und Verteilungsstelle für alle anderen Einrichtungen der Fürsorgeerziehung in Berlin“, aber auch als „Durchgangsstation“ für die Zwangssterilisierung: „Die Sterilisierungen basierten auf dem nationalsozialistischen rassistisch-biologistischen Weltbild, in dem bestimmte Formen abweichenden Verhaltens oder von körperlichen oder geistigen Behinderungen pauschal als er- bzw. vererbbar angesehen wurden.“ (Irmer 2027, 74) Bei einem Bombenangriff auf das Flugzeugmotorenwerk Genshagen wurde in der Nacht zum 27. März 1943 auch Struveshof getroffen. In einem Luftschutzkeller starben dabei 17 Jugendliche.

Der Struveshof 1945 bis 1960

Nach dem Krieg war in den Gebäuden zunächst ein Lazarett untergebracht, bis 1949 wurde dort auch ein Kinderheim betrieben. Im April wurde die Einrichtung offiziell umbenannt in „Jugendwerkheim von Groß-Berlin“, ab 1951 waren auch weibliche Jugendliche in der Einrichtung (die folgenden Ausführungen nach Laudien 2017). Die Quellenlage lässt nur wenige Aussagen über die pädagogische Praxis im Struveshof nach 1945 zu (Laudien 2017, 100). „Der Struveshof (kann) nach heutigen Maßstäben nicht als eine pädagogische Einrichtung verstanden werden.“ (Laudien 2017, 115)

Die Lage der Kinder und Jugendlichen bzw. deren Selbsthilfe waren Ausdruck der Kriegsfolgen und zum Teil auch Abbild der gesellschaftlichen Gesamtsituation. Der Mangel scheint in jeglicher Hinsicht das dominante Element der Erziehung im Jugendwerkheim gewesen zu sein. Dazu gehörten der Hunger, fehlende Hygiene und Privatsphäre, die ungenügende Versorgung mit Kleidung, zu wenig und unzureichend qualifiziertes Personal (Erzieher, Lehrkräfte) und dessen hohe Fluktuation sowie Probleme mit der Disziplin. Das Jugendwerkheim war angewiesen auf eine Eigenversorgung (Nahrung, Reparaturen, Kleidung, Strom- und Wasserversorgung). Die Situation war geprägt von Kinder- und Jugendkriminalität (Diebstahl, Raub), Schwarzmarkthandel sowie von Fluchtversuchen während der gesamten Dauer des Heims. Von den Kindern und Jugendlichen hieß es 1949, dass nur rund ein Viertel das Bildungsniveau des 4. Jahrgangs erreichen würde, 1956 wurden „70 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Struveshof als nur unter besonderen Bedingungen für bildungsfähig angesehen“ (Laudien 2017, 98, 109). Dennoch versuchte man früh, eine Schul- und Berufsausbildung anzubieten - „Schlosserei, Tischlerei, Dachdeckerei, Bauhof, Gärtnerei, Stellmacherei, Schneiderei, Malerei, Elektriker“ (Laudien 2017, 120). Zum Teil arbeiteten Jugendliche auch im Industriewerk Ludwigsfelde. Im Februar 1960 wurde der Jugendwerkhof Struveshof aufgelöst. Die Jugendlichen wurden in andere Einrichtungen verlegt. Im September 1960 wurde an gleicher Stelle das Institut für Jugendhilfe eingerichtet, welches für die Aus- und Weiterbildung von Jugendfürsorgern zuständig war.

Schlussbetrachtung

Die Erziehung in Struveshof stand in einem Spannungsverhältnis mehrerer struktureller Widersprüche.

Die Anstalt als „Familie“: Mit Karl Wilker urteilte 1929 ein Protagonist der Reformpädagogik in der Fürsorgeerziehung, dass die Erziehungsanstalt Struveshof zwar in „99% unvergleichlich viel besser“ sei „als das ‚Heim‘ derer, die hierhergebracht wurden“ (Wilker 1929, 52). Letztlich konnte aber das Leben in einer Anstalt, allen institutionellen Anstrengungen der Fürsorgeerziehung zum Trotz, kein Äquivalent zu dem in einer (intakten) Familie sein.

Inklusion durch Exklusion: Das pädagogische Ziel der gesellschaftlichen Integration von „schwer erziehbaren“ und nicht angepassten Jugendlichen aus der Großstadt Berlin wurde angestrebt durch pädagogische Arbeit in einer Anstalt auf dem Land.

Vormoderne und Industriegesellschaft: Die Ausbildung der Jugendlichen zielte auf Tätigkeiten in der Landwirtschaft. Für Berufe, die passend für die Arbeit in der Industrie der (Groß-)Stadt gewesen wären, konnte die Anstalt Struveshof einerseits keine Ausbildungsmöglichkeit bieten. Andererseits war die Orientierung auf die Landwirtschaft auch Ausdruck einer konservativ geprägten Kritik an der Großstadt und der Moderne.

Stigma Fürsorgeerziehung: Der „Fürsorgezögling“ Erich Thürmann urteilte 1929 über den Struveshof einerseits: „Das war bis jetzt noch die Beste (!) Anstalt, in die (!) ich war.“ Über seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt urteilte er aber: „Wenn ich nun entlassen werde, und in Berlin Arbeit haben will. […] Ja ich kann ihn nicht gebrauchen, sie sind ein Fürsorgezögling. Dann kann ich Wochen und Monate herumlaufen ehe ich Arbeit habe. Wer in die Anstalt kommt ist verrazt und verkoft (!)“ (Lampel 1929, 168).

Quellen

Landesarchiv Berlin LAB, A Rep. 000-02-01, Nr. 1643.

Vossische Zeitung 12.12.1928, 18.1.1929.

Lampel, Peter Martin: Jungen in Not. Berichte von Fürsorgezöglingen. Berlin 1929.

Werkstatt Alltagsgeschichte (Hrsg.): Du Mörder meiner Jugend. Edition von Aufsätzen männlicher Fürsorgezöglinge aus der Weimarer Republik. Münster 2011.

Literatur

Bischoff, Nora/Lücke, Martin: „Da sehen Sie schon, daß es mit der Großen Freiheit nicht weit her ist“. In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) (Hrsg.): Erziehen und Bilden. Der Bildungsstandort Struveshof 1917 – 2017. Ludwigsfelde 2017, 35 – 57.

Böttcher, Walter: Die Waisenpflege der Stadt Berlin unter besonderer Berücksichtigung der Einwirkung des Krieges auf ihre Entwicklung. Gießen 1923.

Hamann, Christoph: Erziehen statt Strafen. Die Landwirtschaftliche Erziehungsanstalt Struveshof 2017 – 1933. In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) (Hrsg.): Erziehen und Bilden. Der Bildungsstandort Struveshof 1917 – 2017. Ludwigsfelde 2017, 11 – 32.

Hamann, Christoph: Jungen in Not? Zur Visualisierung der Fürsorgeerziehung vor 1933. Das Beispiel Struveshof. In: Stambolis, Barbara / Köster, Markus (Hrsg.): Jugend im Fokus von Film und Fotografie. Göttingen 2016, 115–139.

Hamann, Christoph: Revolte im Erziehungshaus? Peter Martin Lampel und die Erziehungsanstalt Struveshof. In: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin. Berlin 2013, 133–183.

Hamann, Christoph/Lücke, Martin (Hrsg.): August Rake – Lebenserinnerungen und Lebenswerk eines Sozialpädagogen und Jugenderziehers. Bad Heilbrunn 2020.

Irmer, Thomas: Struveshof in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) (Hrsg.): Erziehen und Bilden. Der Bildungsstandort Struveshof 1917 – 2017. Ludwigsfelde 2017, 59 – 94.

Janisch, Franz: Die Fürsorgeerziehung in Kriegs- und Friedens-Schulheimstätten für schulpflichtige, übertags zeitweise aufsichtslose und infolge des Krieges verlassene Kinder. In: Zeitschrift für Kinderforschung, 23. Jg. (1918), Heft 1, 23 – 30.

Knaut, N.N.: Die landwirtschaftliche Erziehungsanstalt der Stadt Berlin in Struveshof bei Großbeeren. In: Zentralblatt für Vormundschaftswesen, Jugendgerichte und Fürsorgeerziehung, IX. Jg. (1917), Nr. 7/8, 65 – 67.

Lampel, Peter Martin: Revolte im Erziehungshaus. Berlin 1928.

Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Erziehen und Bilden. Der Bildungsstandort Struveshof 1917–2017. Ludwigsfelde 2017.

Laudien, Karsten: Der Struveshof 1945 bis 1960. In: Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) (Hrsg.): Erziehen und Bilden. Der Bildungsstandort Struveshof 1917 – 2017. Ludwigsfelde 2017, 97 – 129.

Oberwittler, Dietrich: Erziehung statt Strafe? Jugendkriminalpolitik in England und Deutschland (1850–1920). Frankfurt/New York 2000.

Rake, N.N.: Die Landwirtschaftliche Erziehungs-Anstalt der Stadt Berlin, Struveshof b. Großbeeren. In: Land und Frau, 2. Jg. (1918), Nr. 51 (21. Dezember 1918), 401 – 402.

Wilker, Karl: Revolte um Lampel. In: Der Fackelreiter, 2. Jg. (1929). Heft 2, 51 – 55.

Abbildungsnachweis

Abb. 1-7 Gemeinfrei

Empfohlene Zitierweise

Hamann, Christoph: Struveshof - Landwirtschaftliche Erziehungsanstalt, publiziert am 28.01.2026; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Preußische Provinz - Land / DDR - Bezirke
Themen: Bildung und Kultur 

Mario Huth

Schwierige Definition

Ab und an taucht in alten brandenburgischen Kirchenbüchern die Berufsbezeichnung „Stabschläger“ auf. Informationen zu diesem historischen und einstmals sehr wichtigen waldgewerblichen Berufszweig fließen jedoch nur sehr spärlich. In einschlägigen Werken wie Palla’s Lexikon der untergegangenen Berufe oder auch in der Forstgeschichte von Hasel und Schwartz sucht man vergebens nach weiterführenden Auskünften. Selbst im großen, ja fast monumentalen Enzyklopädie-Werk des Johann Georg Krünitz (1728–1796) findet man nur im 167. Band (1837) eher verhaltene Angaben. Man müsse unter „Stabreisser“ im gleichen Band nachsehen. Dort wiederum steht die recht dürftige Aussage, dass damit ein Arbeiter gemeint sei, „welcher das Holz in den Wäldern zu Stabholz reißt oder spaltet“ (Krünitz 1837, 599). Ein Stabschläger schlug also in märkischen Forsten so genanntes Stabholz, vorrangig aus dem festen und beständigen Holz der Eiche (Quercus spec.).

Aber wozu? Am ehesten nähert man sich über das Produkt selbst diesem Thema weiter an. Was also stellte ein Stabschläger her? Stabholz. Hier wird Krünitz nun etwas informativer und berichtet, dass Stabholz „[…] dasjenige zugerichtete Eichen- oder andere Holz [sei], woraus die Dauben oder Pipenstäbe zu allerhand Fässern gemacht werden“ (Krünitz 1837, 596). Der damalige Professor für Handlungswissenschaften Carl Courtin präzisiert in seinem Allgemeinen Schlüssel zur Waaren- und Producten-Kunde aus dem Jahr 1835 wie folgt, dass Stabholz „[…] die aus gutem Eichen- und Buchenholtze etc. gespaltenen oder aus dem Groben gerissenen schmalen Bretter oder Stäbe [sind], mit welchen in mehreren Häfen der Ost- und Nordsee ein sehr beträchtlicher Handel nach Frankreich, Spanien u.s.w. getrieben wird.“ (Courtin 1835, 806).

In Brandenburg wurde zudem die spezielle Form des Tonnenholzes produziert, dünne Bretter, die nicht durch Sägen sondern durch bloßes Spalten des Holzes hergestellt wurden (Ebd., 806). Man unterscheidet es in Pipenstäbe […] von 5 bis 5 ½ Fuß Länge, 4–5 auch 6–8‘‘ Breite, 1 ½–2‘‘ Dicke; in Oxhoftstäbe von 50‘‘ Länge, 4–5 Breite, 1–1 ½ Dicke; in Tonnenstäbe eben so breit und dick, aber nur 38‘‘ lang […]. Unter Böttcherholz versteht man völlig ausgearbeitete, 1 bis 1 ¼ dicke Stäbe“ (Ebd., S. 806). Ein zeitgenössisches Handelslexikon ergänzt diesbezüglich, dass das Böttcherholz „[…] zu Faßdauben und zu Böden bestimmt [sei]; das meiste ist Eichenholz zu Weinfässern, welches schon gespalten und in die gehörige Länge geschnitten in den Handel kommt. Dieses heißt Stab- oder Staffholz, und man hat Pipenstäbe, Oxhoftstäbe, ganze und halbe Faßstäbe, Salztonnenstäbe und verschiedene Bodenstäbe. Es wird gewöhnlich nach Ringen verkauft, „auf welche um so mehr Schocke geben, je kleiner die Stäbe sind, z. B. 4 Schock Pipenstäbe, 6 Schock Oxhoftstäbe, 8 Schock Tonnenstäbe etc.“ (Handels-Lexikon 1849, 279). (Abb. 1-3)

Das bisher gesagte über diesen Berufstand lässt den einen oder anderen mutmaßen, dass es sich hier lediglich um eine spezialisierte Form gehandelt haben könnte und kein geringerer als der königlich preußische Oberlandforstmeister Georg Ludwig Hartig (1764–1837) hielt noch 1834 fest: „Stabschlaeger werden Holzhauer genannt, die das Stabholz in den Forsten bearbeiten“ (Hartig 1834, 775). Derselbe korrigierte sich jedoch in seinem bekannten Lehrbuch für Förster mit der Aussage, dass es sich hierbei um einen eigenen Berufstand handelte, der mit Holzhauern gemeinsam die Aufarbeitung des Holzes übernahm. In diesem Zusammenhang liefert er eine eindrückliche Definition des Berufsstandes und dessen Arbeitsweise. „Aus den liegenden entrindeten Eichenstämmen“, so Hartig dazu, „werden nun diejenigen Walzenstücke, welche spaltiges, zu Stäben taugliches Material enthalten, in der Länge ausgezeichnet, wie die Stäbe angefordert werden oder am leichtesten abzusetzen sind. […]. Die ausgezeichneten Walzenstücke läßt man hierauf von Holzhauern ausschneiden, und das nicht zu Stäben taugliche Holz in Klaftern aufarbeiten. Das Ausarbeiten der Stäbe kann nur von Leuten verrichtet werden, die darin schon geübt sind, gewöhnliche Holzhauer sind dazu nicht brauchbar. Man muß also schon vorher für gelernte Stabschläger Sorge getragen haben, deren gewöhnlich mehrere unter einem Stabschlägermeister stehen“ (Hartig 1840, 77). Und auch Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil, Forstwissenschaftler aus Eberswalde, wusste und lehrte, dass die Bearbeitung des Stabholzes nur „[…] bestimmte Leute, Stabholzschläger, [besorgten], welche eine vieljährige Uebung bedürfen, ehe sie die verlangte Fertigkeit erwerben, und die unter ihren eigenen Aufsehern (Regimentern) hinsichts der Lieferung untadelhafter Waare stehen“ (Pfeil 1858, 229–230).

Harte Arbeit

Dass der Beruf des Stabschlägers körperlich hart war, ist im Grunde schon logische Konsequenz aus der Härte und dem Gewicht des zu bearbeitenden Materials, des Eichen- oder Buchenholzes. Dasselbe wurde eben aufgrund seiner Festigkeit und Dauerhaftigkeit vor allem bei der Herstellung von Gefäßen für Flüssigkeiten geschätzt. Weitaus seltener nutze man auch Kiefern- und Fichtenholz, dass jedoch „[…] nur zu solchen Gefaeßen gebraucht werden [konnte], worin man entweder trockene Dinge aufbehaelt, als zu Mehlfaeßern, Pulverfaeßern Salztonnen und zu Packfaeßern der Kaufmannsgueter; oder hoechstens zu solchen Geraethen, worin der flueßige Koerper nicht lange stehen bleibet, z. B. zu Waschfaeßern, Lohtienen und schlechten Wassereimern“ (Sprenger/Hartwig 1778, 343).

Neben der physischen Herausforderung war bei der Arbeit des Stabschlägers auch Präzision gefordert. Lag schließlich ein roh zugeschnittenes Stück Holz entsprechender Baumart vor, hatte der Stabschläger darauf zu achten, das beim Abspalten der Stäbe deren Breitseite hin zu den Markstrahlen fiel. Durch das Entfernen der Splint- und der Kernseite bis zur vorgegebenen Breite entstand nun ein sehr schmales Holzscheit, das abschließend „[…] mit einem sehr schweren und breiten Beile vollkommen glatt und so behauen [wurde], daß der Stab vollkommen parallelopipedisch w[ar].“ Diese Vorgehensweise diente der späteren Dichtigkeit des zu verfertigenden Behältnisses und alles geschah zumeist unter den wachsamen Augen des Revierbediensteten, der darauf achtete, dass die „[..] Stabschläger nicht zu viel Holz in die Späne hauen oder durch schlechte Arbeit gutes Material verderben“ (Hartig 1840, 78).

Geschätzt wurden offenkundig nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten, sondern auch das forstbotanische Wissen der Stabschläger. Sie waren in der Lage, die Qualität des Eichenholzes anhand von Indikatorpflanzen aus der Strauchschicht einzuschätzen. Als Beispiel sei hier der Weißdorn (Crataegus spec.) erwähnt. „Die Stabschläger […] betrachten denselben, wenn er häufig in lichten Eichenwäldern vorkommt, als Zeichen, daß die Eichen in Ihnen gesund und nicht rothstreifig sind, mithin ein hohes Alter erreichen können“ (Anonymus 1852, 213).

Allerdings begann der arbeitstechnische Aufwand zur Gewinnung von Stabholz sich schon ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr zu lohnen, denn „[d]ie Preise des Stabholzes sind in der neueren Zeit durch die Konkurrenz des nordamerikanischen und die Begünstigung, welche das Kanadaholz durch die englischen Zölle genießt, sehr gesunken und durchschnittlich, wenn man die verlangte größere Stärke rechnet, wenigstens ein Drittheil niedriger als vor 20 Jahren“ (Pfeil 1858, 230). Zudem waren die kräftezehrenden Arbeitsgänge dieses Berufszweiges mit höherem Lebensalter offenkundig nicht mehr so leicht zu bewältigen und so manch ein Vertreter dieser Zunft sah sich in seiner Betagtheit nach anderen Möglichkeiten des Broterwerbs um. Das war auch schon ein Jahrhundert vor dem Preisverfall so. Der alte Stabschläger Hans Heinrich Neuendorf aus Joachimsthal im Barnim trug beispielsweise am 22. Oktober 1748 bei der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer an, ihm, einem „[…] armen alten Mann doch einmahl zu helffen, und […]“ ihm ein „[…] kleine[s] Stück Land, gegen Erlegung eines leidl. jährigen Zinse[s] gnädigts anweisen zulaßen, damit [er] in [s]einem Alter nicht Nothleiden möge“ (BLHA, Rep. 8, Schönfließ, Nr. 672, unfoliiert, Eingabe vom 22. 10. 1748).

Diffizile Quellenlage

Solche Nachrichten über Stabholzschläger lassen sich allerdings eher selten in amtlichen Unterlagen finden, denn während ihrer beruflichen Tätigkeit hatten diese natürlich einen Arbeitsplatz, der sich am Standort der benötigten Nutzhölzer orientierte. Eichen- oder Buchenholz war in den von der Kiefer dominierten, brandenburgischen Landen nicht überall in benötigter – das heißt: lohnender – Menge vorrätig. Schon deshalb forderte der Beruf neben einer hohen körperlichen Beanspruchung auch eine gewisse Mobilität ein. Stabschläger bzw. Stabholzschläger finden wir aus diesem Grunde auch vorzugsweise in den klassischen Laubholzregionen Brandenburgs, wie etwa in Teilen des Barnim, der Oberhavelregion oder der Uckermark. Doch einen sicheren Nachweis für solch eine mobile Truppe aus spezialisierten Waldarbeitern zu führen, ist wegen besagter Mobilität und abseitiger Lage des Arbeitsplatzes dennoch nicht ganz einfach. Ab und an geben alte Flurnamen über die einstige Gegenwart dieses forstlichen Erwerbszweiges Auskunft. In den Wäldern um Fürstenberg/Havel existiert bis heute die sogenannte „Stabschlägerheide“ (Abb. 4), aus der das eigeschlagene Eichenholz bis in die Seestädte als Material für Packfässer gehandelt wurde (Zühlke1974, 137; Stegemann 1998, 74–75; Stegemann 1999, 310–311).

Zuweilen finden wir darüber hinaus entsprechende Einträge über Stabschläger in den Kirchenbüchern von Gemeinden, die sich in oder bei (laub)waldreichen Gegenden befanden, vorzugsweise auch an Fließgewässern, die im Nachgang dem schnellen und unkomplizierten Abtransport des eingeschlagenen Holzes dienten. In Bredereiche etwa, einem Dorf der Oberhavelregion, ehemals aber zum Altkreis Templin gehörig, wird 1692 der Stabschläger Niclas Winter erwähnt (Kirchenbuch Rutenberg, Taufregister, S. 19; BLHA, Rep. 16 Nachlass Wendt, Nr. 473, fol. 10). Gleichen Orts wird 1737 ein Michael Scharlibbe aktenkundig, seines Zeichens Bürger und Stabschläger in Oranienburg (BLHA, Rep. 16, Nachlass Wendt, Nr. 473, fol. 277). Derselbe findet sich mit seinen Kollegen Christian Brademann und Martin Graßnickel ein Jahr später „[i]n der Heide bey Himmelpfort.“, im Jahr darauf gemeinsam mit Friederich Wulff wieder „[i]n den Lindenbergen bey Bredereich.“ (Pfarrarchiv Lychen, Kirchenbuch Rutenberg 1692–1779, Taufregister S. 119, Einträge vom 14. 5. 1738 u. 23. 8. 1738. u. S. 124, Eintrag vom 1. März 1739; BLHA, Rep. 16, Nachlass Wendt, Nr. 473, fol. 60). Auch im nahegelegenen Lychen waren Stabschläger ansässig. Der „Staffhäwer“ Hanß Strigkel heiratete dort 1690 die Jungfer Catharina Sperberg, acht Jahre später ging hier der „Staffschläger“ Hans Herm ein Ehegelöbnis ein, vierzehn Jahre später der „Stabhauer“ Ulrich Schlodt (BLHA, Rep Nachlass Wendt, Nr. 475, fol. 66–68).  

Interessant gestalten sich die Nachweise für das Dorf Storkow, heute ein Ortsteil des uckermärkischen Städtchens Templin. Zum einen findet sich dort 1717 „Herr Christian Werdermann bey den Staffschlägern in Arbeit“ (BLHA, Rep. 16, Nachlass Wendt, Nr. 468, fol. 23). Offenbar hatte besagter Werdermann keine solide Ausbildung genossen und war lediglich als Gehilfe mit dabei. Dagegen wird der 1718 gleichen Ortes erwähnte Christoph Martin sogar als „Meister“ und „Königl. Stafschläger“ geführt, was verrät, dass Vertreter dieses Berufszweiges auch in landesherrlichen Diensten agierten (BLHA, Rep. 16, Nachlass Wendt, Nr. 486, fol. 25, Taufregister vom 31.07.1718).

Ferner fand man sie in ihrer Tätigkeit auch auf kommunalem und privatem Grund. Dort musste allerdings schon recht frühzeitig vom brandenburgischen Landesherrn zu schonender Vorgehensweise in den Wäldern aufgerufen werden. Da man die zu verarbeitenden Hölzer zumeist aus jüngeren Beständen entnahm, wurde hier in der Folge eine nachhaltige Jungbestandspflege nahezu unmöglich. Der Unterbau wurde über die Gebühr entnommen bzw. ausgelichtet. Aus diesem Grunde sah sich bereits Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) am 9. Juli 1674 dazu genötigt, per Edikt zur Räson zu rufen. Sein Oberförster der Mittel- und Uckermark, namentlich Joachim Ernst von Lüderitz (†1695), habe beobachten müssen, „[…], daß sonderlich in Unserer Uckermark der meisten von Adel und Staedte Heyden dergestalt ruiniret und verwuestet, daß solche Eichen […], so zu Stabholtz und Plancken […] tuechtig, fast gar nicht mehr darinnen zu finden […]“ seien (Mylius Bd. 4 1737, 559–560). „Zu[r] Verhuetung schaedlicher Consequenz […] dergleichen Unbefugnissen […]“ sollte sich zukünftig niemand unterfangen „[…] ohne Unsern Churfuerstl. gnaedigsten Special-Consens aus denen von Uns zu Lehn tragenden Holtzungen, bey Vermeidung Unserer ernsten Animadversion, kein Eichen oder ander Holtz, so zu Stabholtzen und Plancken […] dienlich […]“ zu verkaufen (Mylius Bd. 4 1737, 560–561).

Weitere Disziplinierungsmaßnahmen hielt die „Renovierte und verbesserte Holtz-, Mast- und Jagd-Ordnung […]“ vom 20. Mai 1720 bereit. Hierin wurden wiederum die königlichen Forstbediensteten dazu angehalten, ein Auge auf Stabschläger zu haben und diese anzuweisen, „daß sie ihre Handthierung mit aller Fuersichtigkeit betreiben, bey trockener Sommers-Zeit und grosser Hitze gar kein Feuer […] anlegen, sondern nur im Früh-Jahr und Herbst-Zeiten sich dessen gebrauchen […]“ (Rabe 1820, 557). Dagegen wurden die Stabschläger selbst quasi zur forstpolizeilichen Aufsicht angehalten, wenn es um Wilderei in königlichen Forsten ging. Durch ihre arbeitsbedingte Präsenz in den brandenburgischen Wäldern, hatten sie zuweilen mehr Einblick in die Geschehnisse vor Ort als mancher Revierbedienstete selbst. Aus einem Edikt Friedrich Wilhelms I. (1688–1740) vom 28. Dezember 1730 geht hervor, dass man sich daher von Seiten der Regierung wünschte, dass ein „[…] Stabschlaeger, welcher einen Wild-Dieb weiß, und selbigen, er sey von was vor Condition er wolle, dem naechsten Heide-Reuter entdecket, auch dabey gegruendete Anzeigung thut, was zu Ueberfuehrung eines solchen Wild-Diebes naehere Anleitung geben moechte […]“ (Mylius Bd. 2 1737, Sp. 157).

Niedergang

Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nehmen dann die Zeugnisse über den Berufsstand des Stabschlägers in Brandenburg jäh ab. Das mag u.a. daran liegen, dass es allmählich am zu verarbeitenden Rohstoff mangelte. Im 18. Jahrhundert wurde hierzulande oftmals mit Kiefer aufgeforstet. Spätestens zur Mitte des 19. Jahrhunderts dominierte diese daher die brandenburgischen Wälder, weshalb als Konsequenz daraus Flächen zur Stabholzgewinnung seltener wurden. Mit zunehmender Begrenztheit der Ressource Eichenholz stellten sich daher auch einstweilen Probleme ein. Im Jahr 1810 kam es beispielsweise zwischen den Verordneten des neumärkischen Städtchens Schönfließ (heute: Trzcińsko-Zdrój) und dem Kaufmann von Essen aus Stettin zu einem Streit. Von Essen hatte den Stabschlägermeister Krüger damit beauftragt, in der Stadtheide eingeschlagenes Holz entsprechend aufzuarbeiten. Der Letztgenannte musste bei seiner Ankunft am Einsatzort jedoch leider feststellen, dass die Stadtverordneten „ihm Eichen angewiesen haben, die nur Klaffterholtz geben, oder rothstreifig sind“ (BLHA, Rep. 8 Stadt Bad Schönfließ/Nm, Nr. 672, fol. 23r). Kaufmann von Essen reagierte leicht säuerlich und schrieb den Herren des Stadtrats, dass er sich doch sehr wundere, „[…] wie Ew. Wohlgebohren meinen Stabschläger anmuthen sein können nur blos Klaffterholtz zu schlagen, ich gebrauche sie weit nothwendiger, und werde dies auf keinen Fall zugeben. Ueberdem verarbeiten die Stabschläger zuletzt schon so schlechtes Holtz wogegen ich sehr viel einzuwenden habe und womit ich keines weges zu frieden sein kann“ (BLHA, Rep. 8 Stadt Bad Schönfließ/Nm, Nr. 672, fol. 23r–23v). Mit der druckvollen Bitte, sich doch an den zuvor abgeschlossenen Vertrag zu halten und dem Stabschläger Krüger endlich die notwendigen Eichen entsprechender Qualität anzuweisen, schloss der zornesgeladene Händler aus Stettin seinen Brief. Die Korrespondenz um diesen Sachverhalt hält noch einige weitere interessante Details bereit. Zum einen bekam der Stabschläger Krüger für jeden aufgearbeiteten Klafter von der Stadt Schönfließ offenbar noch 8 Klafter Brennholz zusätzlich zur Entlohnung ausgehändigt, zum anderen arbeitete er nicht allein. Neben seinem „Sohn und Stabschläger Krieger“ standen ihm noch die Herren Bengs, Kömp, Blum und Gaehner gleicher Profession helfend zur Seite (BLHA, Rep. 8 Stadt Bad Schönfließ/Nm, Nr. 672, fol. 23v, unfoliierte Schreiben vom 8.6. u. 6.7. 1810).

Schlussendlich bewirkte auch der bereits erwähnte Preisverfall zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin den allmählichen Niedergang der Stabschläger in Brandenburg. Die Arbeit der Stabschläger besaß in späterer Zeit aufgrund von wirtschaftlichen aber auch ökologischen Bedenken auch keinen guten Leumund mehr. Im nachbarlichen sächsischen Territorium sah man schon 1791 die Arbeit der Stabschläger in den rar gewordenen Laubwäldern recht kritisch, denn derselbe „rodet […] nicht, sondern faellt nur den Baum vom Stock ab, und laesset letztern in der Erde stecken. Was nun durch dieses nur leider mehr als zu bekannte Abfaellen der Baeume, [...], fuer Holz verlohren gehet, kann sich ein jeder nach der Staerke und Schwaeche eines jeden Baumes berechnen, und nun die Kosten hinzusetzen, die das Herausschaffen des Stockes aus der Erde verursachet; wenn der ansehnliche Fleck, worauf die Eichen gestanden anders forst- und wirthschaftsmaeßig genutzt werden soll“ (Touchy/Schmeltz 1791, 20). Darüber hinaus wurde es allmählich auch in bestimmten Produktionszweigen als unrentabel betrachtet, wertvolles Eichenholz einer Ausformung zu Stabholz zuzuführen, da der zurückbleibende Abfall recht groß war und kaum anderweit Nachnutzung erfahren konnte (Weise 1885, 51).

Die kurze Zusammenstellung von Daten und Infomrationen zeigt, dass der defizitäre Wissensstand über diesen Waldberuf noch lange nicht behoben ist. Wünschenswert wären weitere Fundmeldungen.

 

Der Autor widmet diesen Beitrag der verstorbenen Bibliothekarin Marlies Sell (†2023).

Quellen

BLHA, Pr. Br. Rep. 2 Kurmärk. Kriegs- und Domänenkammer, F. 2914 Pachtzahlung für eine vom Holzfäller („Stabschläger“) Neuendorf zu Joachimsthal zu kultivierende Parzelle, 1748–1766.

BLHA, Pr. Br. Rep. 3 Neumärk. Kammer Nr. 1517 Streitigkeiten zwischen dem Amt Driesen und dem dortigen Magistrat und dem Akziseamt wegen des Verkaufs von Amtsbier an die auf der Oder vorbeifahrenden Schiffer und Flößer und an die Stabschläger und Arbeiter im Gottschimmer Forst, 1778–1808.

BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Schönfließ Nr. 672 Berechnung des durch die Stabschläger des Kaufmanns I. F. von Essen zu Stettin in Schönfließ geschlagenen Stabholzes, 1810-1817.

BLHA, Pr. Br. Rep. 9B Johanniterorden Nr. 5312 Verkauf von Bier an die Stabschläger gegen geringes Entgelt durch den Krüger Petersdorf zu Klopptiz, 1746-1753.

BLHA, Pr. Br. Rep. 16 Nachlass Wendt, Nr. 468, 473, 475.

Pfarrarchiv Lychen, Kirchenbuch Rutenberg 1692–1779.

Mylius, Christian Otto: Des Corporis Constitutionum Marchicarum Ander Theil, Von der Jusitz so wol in Civil- als auch Criminal- und Fiscal-Sachen […], Berlin/Halle 1737, Sp. 155–157. [Siehe: Hier]

Mylius, Christian Otto: Corporis Constitutionum Marchicarum, Vierdter Theil, Von Zoll- Jagdt- Holtz- Forst- Mast- Post- Vorspann- Müntz- Saltz- Salpeter- und Bergwercks- auch Domainen- Pacht- und andern Aemter- Damm- und Teich-Sachen, Accis-Wesen, Bier- und Mahl-Ziese oder Scheffel-Steuer, Kriegs- und Mahl-Metze, auch Mühlen- und Brau-Sachen, Marinen- oder Chargen- und Recrüten-Casse, Stempel-Papier, gestempelten Carten etc. – Berlin/Halle 1737, Sp. 559–562. [Siehe: Hier]

Rabe, Carl Ludwig Heinrich: Sammlung Preußischer Gesetzte und Verordnungen […], Erster Band, Erste Abtheilung, Enthaltend die Jahre 1425 – 1725 […], Halle/Berlin 1820, S. 532–585, hier S. 557, § 2. [Siehe: Hier]

Literatur

Anonymus: Forstliche Bodenkunde. Das Verhalten des Bodens zu unsern deutschen Waldbäumen. In: Pfeil, Friedrich Wilhelm Leopold (Hrsg.): Kritische Blätter für Forst- und Jagdwissenschaft. Bd. 31. Heft 1 (1852), S. 170–219, hier S. 213.

Anonymus: Handels-Lexicon oder Encyclopädie der Gesammten Handelswissenschaften fuer Kaufleute und Fabrikanten. Dritter Band (hrsg. von einem Verein Gelehrte und praktischer Kaufleute). Leipzig 1849, S. 279.

Courtin, Carl: Allgemeiner Schluessel zur Waaren- und Producten-Kunde, oder vollstaendiges Woerterbuch aller wesentlichen, als Handelsartikel vorkommenden Natur-Erzeugnisse aus dem Reiche der Thiere, Pflanzen, Steine und Mineralien, sowie der Producte der Kunst des Gewerbefleißes, als:  Specerei-, Kolonial- Metall-, Farb-, Material-, Fabrik- und Manufactur-Waaren, Berg-Producte, chemische Praeparate etc.; mit deutlicher Beschreibung und Angabe ihrer Eigenschaften, der Kennzeichen ihrer Aechtheit oder Guete, ihres Verbrauchs, ihrer Anwendung, ihres Bezugs, ihrer Gewinnungsart, ihrer verschiedenen Sorten etc. etc., und bei den meisten mit Hinzufuegung ihrer Benennungen in mehreren fremden Sprachen. Stuttgart/Wien 1835, S. 806.

Hartig, Georg Ludwig/Hartig, Theodor (Hrsg.): Lehrbuch für Förster und für die, welche es werden wollen, Dritter und letzter Band, welcher von der Forsttaxation und der Forstbenutzung handelt. Stuttgart/Tübingen 1840.

Hartig, Georg Ludwig/Hartig, Theodor: Forstliches und forstnaturwissenschaftliches Conversations-Lexikon. Fuer jeden der sich fuer das Forstwesen und die dazugehoerigen Naturwissenschaften interessirt. Berlin 1834, S. 773–775.

Hasel, Karl/Schwartz, Ekkehard: Forstgeschichte. Ein Grundriss für Studium und Praxis. Remagen 22002.

Palla, Rudi: Das Lexikon der untergegangenen Berufe. Von Abdecker bis Zokelmacher. Frankfurt/Main 1994.

Pfeil, Friedrich Wilhelm Leopold: Forstbenutzung und Forsttechnologie. 3. Aufl. Leipzig 1858, S. 229–230.

Sprengel, Peter Nathanael/Hartwig, Otto Ludwig (Hrsg.): P. N. Sprengels Kuenste und Handwerke in Tabellen. Erste Sammlung. Berlin 21778.

Stegemann, Wolfgang: Die Fürstenberger Flurnamen. In: Heimatkalender [der Stadt Fürstenberg]. 5. Jahrgang (1998), S. 74f.

Stegemann, Wolfgang: Fürstenberg/Havel, Ravensbrück. Beiträge einer Region zwischen Brandenburg und Mecklenburg. Band 1 Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Teetz 1999.

Touchy, Ferdinand Christian/Schmelz, Adam Friedrich: Der saechsische Landwirth in seiner Landwirthschaft, was er jetzt ist und was er seyn koennte, oder wie ein jeder seine Einkuenfte in kurzer Zeit um mehr als die Haelfte sehr leicht erhoehen koenne. Dritter oder letzter Band, […], handelnd von dem Forstwesen, und den uebrigen noch fehlenden oekonomischen Gegenstaenden. Leipzig 1791.

Weise, Werner: Chronik des Deutschen Forstwesens im Jahre 1884. X. Jahrgang. Berlin 1885.

Zühlke, Dietrich u.a.: Das Rheinsberg-Fürstenberger Seengebiet. Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme in den Gebieten von Zechlin, Rheinsberg, Fürstenberg und Himmelpfort. Berlin 1975 (=Werte unserer Heimat, 25).

Abbildungsnachweis

Abb. 1 Johannes Stoeffler: Calendarium romanum magnum. Tübingen 1518.

Abb. 2, 3 Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, vol. 10 (plates). Paris 1765.

Abb. 4 https://susudata.de/

Empfohlene Zitierweise

Huth, Mario: Stabschläger, publiziert am 03.04.2025; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Absolutismus / AufklärungPreußische Provinz - Land / DDR - Bezirke
Themen: Ländlicher Raum - Umwelt und Naturraum - Herrschaft und Verwaltung

Lothar Tyb‘l

Landesirrenanstalt 1908

Die Errichtung der Teupitzer Klinik war ein bedeutsames und einschneidendes Ereignis in der Stadtgeschichte. Zum einen galt die Klinik für ihre Zeit als eine sozial, medizinisch und baulich moderne Stätte und zum anderen war mit ihr die Entstehung eines neuen Stadtteils, des Wärterdorfs, sowie des denkmalgeschützten Bauensembles in der Lindenstraße mit Schule, Hotel und Postamt verbunden. 

Am 3. Juni 1904 entschied sich der Provinzialausschuss unter den zahlreichen Angeboten zur Errichtung einer ‚Landesirrenanstalt’ für dasjenige der Stadt Teupitz. Ausschlaggebend waren die natürliche Lage, die Verkehrsanbindung an die Bahnhöfe Halbe bzw. Groß Köris sowie an die Kreischaussee und der preiswerte Grund und Boden. Entworfen und errichtet wurde die Anstalt von Prof. Theodor Goecke (1850–1919) für ca. 6,75 Mill. Goldmark im Pavillonsystem. (Abb. 1, 2)

Die feierliche Eröffnung der Hauptanstalt für 1.050 Kranke mit einem Lazarett erfolgte am 26. November 1908, der Pensionärsanstalt für 150 Kranke am 1. Mai 1909. Für allgemeine Kranken- und Verwaltungszwecke waren vorhanden: Ein Verwaltungs- und ein Küchengebäude, das Maschinenhaus mit Werkstätten, ein großer Landwirtschaftshof, eine großzügige Garten- und Wege­anlage, ein Friedhof mit Kapelle und ein Wärterdorf mit anfangs 52 Wohnungen. Zur Versorgung aller Gebäude wurden eine eigene Zentralheizung, die Strom- und Wasserversorgung sowie die Abwasserentsorgung installiert. Diese sehr moderne, heute denkmalgeschützte Anstalt stand zu Beginn unter Leitung von Dr. Carl Berthold Knörr. 

1908 entstand mit der Errichtung der Heil- und Pflegeanstalt ein ansehnlicher neuer Ortsteil, das Wärterdorf. Die 13 eingeschossigen Häuser mit ausgebautem Dachgeschoss wurden an zwei Ortsstraßen erbaut, davon 5 Zwei-, 4 Vier- und 3 Sechs-Familienhäuser sowie 1 Acht-Familienhaus, insgesamt 52 Familienwohnungen. (Abb. 3)

Zugleich wurde 1910 unter Leitung des Architekten Paul Sagert das bedeutsame, seit 2004 denkmalgeschützte Ensemble der ‚Lindenstraße’ errichtet: Die stadteigene Schule, das Hotel und Restaurant ‚Schenk von Landsberg’, die Kaiserliche Post, die Pentairgasanstalt (inzwischen abgerissen) und zwei ansehnliche Wohnhäuser. (Abb. 4)

Aus ihrer weiteren Geschichte:

  • Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg.
  • Krisenhafte Entwicklung danach und Schließung 1923.
  • 1924 bis 1931 Neuaufnahme von ca. 1.500 Patienten.
  • In der NS-Zeit Einbindung in das Euthanasieprogramm ab 1939.
  • Während des Zweiten Weltkrieges Unterbringung eines Speziallazaretts der Wehrmacht, von Teilen des Achenbach-Kreiskrankenhauses und des Landesblindenheims.
  • Während der Halber Kesselschlacht im April 1945 waren bei einem Luftangriff Menschenleben und Gebäudeschäden zu beklagen.
  • Die Besetzung und Inbesitznahme durch die Rote Armee erfolgte am 27. 4. 1945.

Verstrickung in die Euthanasie- Mordaktion

„Im Nationalsozialismus lieferte die damalige Landesanstalt 1884 der ihr anvertrauten Patienten als ‚lebensunwert‘ dem Tode aus. Auf je eigene Weise wurden viele Menschen dabei schuldig. 60 Jahre später gedenken wir voller Scham der Opfer und rufen das Schicksal der Toten in Erinnerung.“ (Inschrift auf dem Obelisk für die Euthanasieopfer in der Asklepiosklinik, Abb. 5)

Die Leiter und Ärzte des wichtigsten und größten Arbeitgebers der Stadt, der Landesanstalt Teupitz, gehörten bei Kriegsende alle der NSDAP an und vertraten offensichtlich deren rassistische und rassenhygienische Vorstellungen im Gesundheitswesen. Von keinem der Anstaltsleiter, 1934-38 Dr. Noack, 1938-39 Dr. Heinrich Ehlers, 1939-1945 Dr. Felix Großmann, ist bekannt, dass sie sich gegen die nationalsozialistische Erb- und Rassenpolitik gewandt und versucht hätten, die ihnen anvertrauten Patienten vor den schwerwiegenden Eingriffen und schließlich vor der Vernichtung in der Euthanasie- Mordaktion ‚T4’ 1940/41 zu bewahren. 1.439 Sterilisationen in den Jahren 1935-39 und 1.884 während der genannten Aktion von hier verbrachte und dann ermordete Patienten wurden bisher ermittelt.

Bekannt ist, dass Dr. Karl Großmann, im Teupitzer Volksmund ‚Knochenkarl’ gerufen, und der 1885 geborene Oberarzt Dr. med. Kurt Hellwig, Obersturmführer der SS, seit 1924 in Teupitz ansässig, sofort 1945 verhaftet wurden und wahrscheinlich in sowjetischer Haft oder Internierung verstarben. Nur zum Schicksal des gleichfalls verhafteten Kassenleiters Gustav Natebus, Jahrgang 1888 und Mitglied der NSDAP seit 1940, konnte vom Autor ermittelt werden, dass er 1947 im Lager Sachsenhausen verstarb.

Der nach dem Umbruch 1945 verbliebene Anstaltsarzt, Dr. Karl Sitzler, der zwar ebenfalls der NSDAP angehört hatte und an Sterilisationen beteiligt war, galt zunächst nur als ‚Mitläufer’ und wurde kurzzeitig als Anstaltsleiter eingesetzt. Er soll sich später in die BRD abgesetzt haben. Im Januar 1946 trat ein Nichtmediziner, der Antifaschist Max Glaser, als neuer Anstaltsleiter seinen Dienst an.

Von den 155 für das Jahr 1945 gemeldeten Dienst- und Pflegekräften gehörten 108 der NSDAP und ihren Gliederungen an; das war mit 70% der höchste Organisationsgrad im Vergleich mit allen anderen brandenburgischen Anstalten während der Nazizeit, weshalb in der Anstalt und im Pflegerdorf auch separate Zellen der Ortsgruppe der NSDAP gebildet worden waren. Im Rahmen der Entnazifizierung wurden 71 als belastet eingestuft und 10 von ihnen entlassen.

Der unmittelbar nach der Besetzung der Anstalt am 27./28. April 1945 als ‚Sanitäts-kommandant’ für alle dort noch stationierten Krankeneinrichtungen eingesetzte Prof. Dr. Kondeyne wurde kurze Zeit später von der operativen Gruppe der Sowjetarmee als bei Kriegsende in der Anstalt untergetauchter SS-Führer entlarvt und verhaftet und mit ihm weitere 16 Sanitätsfeldwebel.

Die Klinik hat zu ihrer NS-Vergangenheit schon mehrfach Stellung bezogen. Der frühere ärztliche Direktor MR Dr. D. Häußer und der langjährige Verwaltungsleiter Hans Sußmann machten in der Stadtgeschichte (1974) und Klinikchronik (1987) die Verstrickung der Anstalt in die Euthanasieverbrechen öffentlich. Auf Initiative der Chefärzte Dr. J. Faiss und Dr. M. Heinze wurde, gestützt auf Forschungsergebnisse einer Gruppe um die Potsdamer Historikerin Dr. Kristina Hübener, am 10. Mai 2000 im Park der Klinik der abgebildete schlichte, kollektive Gedenkstein mit Inschrift eingeweiht. (Abb. 6)

Drei ‚Stolpersteine’ aus Messing mit eingravierten Namen erinnern seit dem 19. Oktober 2005 vor dem Eingang zur Klinik an die Euthanasieopfer der Nazizeit. Bei Recherchen im Kreisarchiv konnte der Autor 2006 weitere Namen von jüdischen Bürgern ermitteln, die im März 1939 in der Anstalt gemeldet waren, über deren weiteres Schicksal jedoch bisher keine zweifelsfreien Auskünfte vorgelegt werden konnten.

2013 legte Dr. Peter Josef Belli seine Recherchen „Kommunen und NS-‚Euthanasie‘, Zwischenbilanz im Fall Teupitz“ vor, die eine systematische Erforschung der Geschichte der Klinik in der Nazizeit auf die Agenda setzten.

Sowjetisch-russisches Hospital 1945-1994

Ab Mai 1945 erfolgte die Einrichtung des sowjetischen Hospitals im größten Teil der früheren Hauptanstalt einschließlich aller Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude. (Abb. 7)

Die Kriegsfolgen, insbesondere die katastrophale Ernährung und die beträchtlichen räumlichen Einschränkungen führten zu einer hohen Sterberate unter den deutschen Patienten.

Zugleich wurden die widerspruchsvolle Entnazifizierung in der Anstalt und deren völlige Reorganisation durchgesetzt.

Das Hospital war der Zentrale der Sowjetarmee in Wünsdorf unterstellt; Struktur, Stammpersonal, Belegungsstärke änderten sich im Laufe der Jahre.

Es gliederte sich in einen Teil für Soldaten, psychisch Kranke, Alkoholiker und einen Teil für Offiziere. Die Stationen: Chirurgie, Physiotherapie, Inneres, HNO, Zahnarzt, Frauen, Entbindung, Sanatorium.

Zu den allgemeinen Einrichtungen zählten ein Club, die Bibliothek, die Einkaufshalle, der Landwirtschaftsbetrieb, die Waschküche, die Wohnunterkünfte und die Wacheinheit.

Die Versorgung der Patienten erfolgte auf einem hohen medizinischen und hygienischen Standard und wurde in Notfällen auch Deutschen gewährt.

Das Stammpersonal umfasste um 500 Personen, darunter eine geringe Zahl deutscher Handwerker und Angestellter wie die Teupitzerinnen Elisabeth Buchholz und Gerlinde Krüger. (Abb. 8) Die Offiziere dienten gewöhnlich 5, die zivilen Krankenschwestern 3 Jahre in der DDR. Die Kommandanten waren um 1965 Major Wassili Dschobawa und um 1975 Oberstleutnant Gregori Belan.

Die Beziehungen zur Bevölkerung gestalteten sich überwiegend freundschaftlich, besonders zum Anglerclub und Jagdverein; private Kontakte blieben gemäß sowjetischer Regelungen selten. Die vielen Erinnerungen an das Hospital sind in der Stadt noch immer le­bendig.

Verfall der Klinik und Aufbau des Stadtteils „Teupitzer Höhe“

Ein Teil-Areal der 1908 errichten Landesklinik steht seit dem Abzug der russischen Truppen 1994 leer und verfällt. Es ist denkmalgeschützt und landeseigen. Ein kleiner Teil seiner Gebäude und der einstige Wirtschaftshof wurden nach 1994 zur Entwicklung des neuen Stadtteils „Teupitzer Höhe“ genutzt. Der Verkauf des verfallenden Teils liegt in der Hand der Brandenburgische Boden Gesellschaft für Grundstücksverwaltung und -verwertungs GmbH (BBG), welche für den Grundstückseigentümer Land Brandenburg tätig ist.

Der ebenfalls 1908 errichtete Wasserturm der einstigen Landesklinik verlor trotz seines Verfalls nicht seinen Charme und seine Anziehungskraft. Mit seinem ca. 50 m hohen Dampfschornstein und einer ca. 30m hohen Plattform könnte der denkmalgeschützte Turm einen beeindruckenden Fernblick über den Teupitzer See und die ihn umgebende märkische Landschaft ermöglichen. Auch das an seinem Fuße befindliche Maschinenhaus harrt, wie die anderen einst geschätzten und heute denkmalgeschützten Klinikgebäude, einer sinnvollen neuen Nutzung. Seine Geschichte ist ein Kaleidoskop deutscher Geschichte. Er diente Kranken und Verwundeten, Deutschen und Russen, Zivilisten und Soldaten, hörte Bombeneinschläge und Angstschreie, Flüche und Jubel, sah Gesichter mit Schweißtropfen sowie in stolzer Freude –  und versank schließlich in Stille. (Abb. 9)

Aus der Stille wurde im Laufe der letzten Jahre Lethargie, geschuldet den widersprüchlichen Eigentumsregeln im Beitrittsprozess der DDR zur BRD, wenn das auch nicht als gemacht, sondern als naturgegeben offeriert wird, sodass ein Schuldiger schwer zu fassen wäre, so man sich auf die Suche begäbe. Die Chance, die 1945 getrennten Klinikteile nach 1994 zusammenzuführen, wurde nicht ernsthaft angegangen und schließlich verpasst

Die Größe und Art des Gebäudes, die Denkmalschutzauflagen und kostenintensiven Investitionen erschweren seine Verwertung. Die Interessen der Kleinstadt werden durch den andauernden Verfall der Klinik und ihres Wasserturms empfindlich verletzt; das zu ändern, steht auf der Tagesordnung.

Wie in vielen brandenburgischen Orten ist auch in Teupitz der städtebauliche Aufschwung in den Jahren seit der Wende und der Herstellung der deutschen Einheit unübersehbar.  Die Schaffung von etwa 100 modern ausgestatteten Mietwohnungen und die Errichtung von ca. 40 (von 65 geplanten) Einfamilienhäusern an der Teupitzer Höhe seit 1996 gehört zu den positiven Seiten der widersprüchlichen Bilanz, welche die Stadt vorweisen kann.

Im Oktober 1996 konstituierte sich die erste der drei privaten Grundstücksgesellschaften bürgerlichen Rechts, die zum Initiator und Träger der Wohnanlagen an der Teupitzer Höhe wurden. Diese Anlagen entstanden auf einer ca. 30.000 m² Teilfläche der 1908 erbauten, denkmalgeschützten Landesklinik bzw. des dort von 1945 bis 1994 stationierten sowjetischen Hospitals.

Die 1996 ins Leben gerufene ‚Grundstücksgesellschaft Teupitz’ erwarb zunächst durch Ankauf vom Land Brandenburg einen aus dem Jahre 1965 stammenden Plattenbau mit 48 Wohnungen und vier, für die Klinik 1908 erbaute Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 22 Wohnungen. Im Rahmen der ‚Wohnbauförderung auf ehemals militärisch genutzten Flächen’ des Landes wurden sie, beginnend mit dem Abriss der Hospitalmauer am 18. Oktober 1997, instandgesetzt, modernisiert und vermietet. Zwei weitere Gesellschaften (GbR) folgten diesem Vorbild mit insgesamt 29 Wohnungen in zwei Wohnblöcken an der Buchholzer Straße und in einem Reihenhaus an der Teupitzer Höhe. (Abb. 10)

Darüber hinaus wurde von einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft (GSW) ein Baugelände für 67 preiswerte Einfamilien- und Doppelhäuser in Massivbauweise angekauft, mit Unterstützung einer Bausparkasse (BHW) und einer Baufirma (PEV) mit großem Aufwand baureif gemacht, öffentlich voll erschlossen und in Teilflächen am 4. Dezember 1999 zum Verkauf frei gegeben. Inzwischen sind etwa 40 Häuser fertiggestellt.

Am 2. März 1998 beschloss die Stadt den Straßennamen ‚Teupitzer Höhe’ für diese Wohnanlage und am 11. April 2002 konnte in unmittelbarer Nähe eine große Netto-Kaufhalle für Waren des täglichen Bedarfs eröffnet werden.

Asklepios Fachklinikum Teupitz und seine Vorläufer

In der DDR 1949-1990

Seit 1949/50 vollzog sich die Entwicklung der Klinik nach den Richtlinien des Ministeriums für Gesundheitswesen der DDR und infolge der Verwaltungsreform 1952 unter konkreter Leitung des neu gebildeten Kreises Königs Wusterhausen. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse blieb ein ständiges und kompliziertes Arbeitsfeld der Klinikleitung: 1950 Küche und Wäscherei, 1951 Übernahme eines leerstehenden Krankengebäudes für 100 Patienten vom sowjetischen Hospital, 1953 Ausbau des Gasthauses ‚Zum Sängerheim’ als betriebseigenes Kulturhaus, 1954 Betriebskindergarten im ehemaligen Schützenhaus, 1950/51 Sport- und Tennisplatz. 1958 wurden 70–80% der Patienten in arbeitstherapeutische Maßnahmen einbezogen, u. a. in eine Seidenraupenzucht.

Ein bedeutsamer Fortschritt in der Behandlung der Patienten stellte 1964 die Einführung des ‚Open-Door-Systems’ (System der offenen Tür) dar. Die Eröffnung einer Neurologischen Abteilung 1965 und der neuen Röntgenabteilung 1978, die Konzentration der Alkoholikerbehandlung ab 1976, der Ausbau der Stationen für suchtkranke Frauen 1985 verdeutlichen beispielhaft die vielen Aktivitäten in jenen Jahren. Nachdem 1971 die geplante Umwandlung der Klinik in ein psychiatrisches Pflegeheim verhindert werden konnte, übernahm deren Leitung der ärztlicher Direktor OMR Dr. med. Dieter Häußer bis 1991.

1986 wurde die Bettenzahl von 580 auf 540 reduziert, um die Qualität der neuro-psychiatrischen Grundbetreuung im damaligen Einzugsgebiet von 5 Kreisen mit 330.000 Bürgern zu verbessern. Die durchschnittliche stationäre Verweildauer betrug etwa einen Monat, für die medikamentöse Behandlung wurden etwa 600.000 Mark/Jahr ausgegeben. (Abb. 11)

Nach dem Beitritt zur BRD 1990–2005

Nach der Neubildung des Landes Brandenburg und dem Beitritt zur BRD 1990 erhielt die Nervenklinik gemäß ihrer veränderten Stellung die Bezeichnung ‚Landesklinik Teupitz’ und eine neu zusammengesetzte Leitung: Leitender Chefarzt Dr. med. Peter Runge (1991-1995) bzw. Dr. med. Jürgen Faiss (seit 1995), Verwaltungsleiterin Doris Havenstein, Pflegedienstleiterin Frauke Förster.

Charakteristisch wurden der bedeutende materiell-technische Ausbau der Klinik und die weitergehende Profilierung des Angebots für die Patienten: 1992 schrittweise Ausgliederung des Behindertenbereichs und Reduzierung der Abteilung für sozialpsychiatrische Rehabilitation von 200 auf 36 Plätze in einem Gebäude auf dem Klinikgelände und in der Lindenstraße 3 im Jahr 2000. 1997 Übergabe eines Neubaus an die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, 1998 Eröffnung der psychiatrischen Tagesklinik in Königs Wusterhausen. 1999 Inbetriebnahme der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie in einem fertiggestellten Neubau. 2005 Verleihung des Siegels für optimale Krankenbehandlung (KTQ).

Asklepios Fachklinikum Teupitz seit 2006

Als moderner Gesundheitsstanddort in Brandenburg bietet die Klinik ein umfassendes Leistungsspektrum der Neurologie und Neurophysiologie sowie der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. (Abb. 12, 13) Für die bestmögliche Behandlung nutzen die Ärzte moderne psychologische Tests, kombiniert mit Laboruntersuchungen und bildgebenden Verfahren. Die Patienten profitieren zudem von tiefenpsychologisch und verhaltenstherapeutisch fundierten Gruppen- und Einzeltherapien, die durch medikamentöse und somatische Behandlungsverfahren ergänzt werden.

Geboten wird das gesamte Spektrum moderner neurologischer Diagnostik und Therapie. Typische Beschwerden, wegen denen Patienten in die Klinik kommen, sind Lähmungen, Gefühlsstörungen, Kopfschmerzen oder andere akute und chronische Schmerzen, Sprachstörungen, Gedächtnisstörungen, Schwindel oder epileptische Anfälle.

Einen bedeutenden Platz nimmt die Behandlung der zunehmenden Suchterkrankungen ein. Eine Suchterkrankung trifft mehr Menschen als vielfach vermutet wird. Sie kann ganz verschiedene Ursachen haben und sich unterschiedlich äußern. In Deutschland ist die Abhängigkeit von Alkohol am weitesten verbreitet, aber auch der Konsum mancher Medikamente wie beispielsweise Benzodiazepine kann zu einer Sucht ausarten.

Daneben spielen andere Substanzen wie Cannabis und Chrystal Meth (Methamphetamin) eine große Rolle in der Arbeit für die Patienten. Damit Betroffene erfolgreich therapiert werden können, ist eine fachlich abgestimmte Diagnostik jeweils die Voraussetzung. Suchterkrankungen sind gut behandelbar. Die Erkennung und Berücksichtigung der hohen Rückfallgefahr stellen einen Schwerpunkt der Behandlung dar. Heutzutage verfügt die Klinik über gut etablierte und spezifische Behandlungsverfahren.

Literatur

Ackermann, Irmgard: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, Gutachten zum Denkmalwert der ehemaligen Landesirrenanstalt Teupitz, Hauptanstalt. 1995.

Belli, Peter Josef: Kommunen und NS-„Euthanasie“ – Zwischenbilanz im Fall Teupitz. 2013.

Häußer, D. / Heinze, D. / Härtel, M.:1987 – 75 Jahre Nervenklinik. Teupitz 1987.

Hübener, Kristina / Rose, Wolfgang: Landesklinik Teupitz. Geschichte-Architektur- Perspektiven. Berlin 2003.

Manteuffel, Otto von: Neubauten der Landesirrenanstalt Teupitz. Berlin 1908.

Sitzler, Karl: Beitrag zur Geschichte der Landesanstalt Teupitz. 1948.

Sussmann, Hans: Teupitz und das Schenkenländchen. Eine chronistische Aufzeichnung. Teil I Teupitz 1974, Teil II Teupitz 1974, Teil III Teupitz 1981.

Sussmann, Hans: Das Krankenhaus Teupitz. In: Heimatkalender für den Kreis Zossen 1972, S. 42–47.

Tyb’l, Lothar: Teupitz am See – ein Schatz in der Mark Brandenburg. Historischer Stadtführer. Berlin 2006.

Tyb’l, Lothar: Teupitz am See. Historischer Stadtführer. 2006.

Tyb’l, Lothar: Bau-und Naturdenkmale in Teupitz am See. 2010.

Tyb’l, Lothar: Wohnpark Teupitz – Geschichte und Konzeption. 2020.

Tyb’l, Lothar: Asklepios-Fachklinikum Teupitz, Beiträge zu seiner Geschichte. 2023.

Tyb’l, Lothar: Teupitzer Bilderbuch. 2015.

Abbildungsnachweis

Abb. 1, 3-8, 10-12 Autor

Abb. 2 Der Städtebau, Jahrgang 1919, Nr. 1/2

Abb. 9 https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Teupitz_Landesirrenanstalt_Wasserturm.jpg (Foto: Oberlausitzerin64 – CC-BY-SA 4.0)

Abb. 13 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Teupitz_Asklepius_Fachklinikum.jpg (Foto: Assenmacher – CC-BY-SA 4.0)

Empfohlene Zitierweise

Tyb'l, Lothar: Landesirrenanstalt – Hospital – Fachklinikum Teupitz, publiziert am 03.04.2025; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Preußische Provinz - Land / DDR - Bezirke - Land Brandenburg
Themen: Wirtschaft - Herrschaft und Verwaltung - Stadt und Bürgertum

Wolfgang Müller

Über kaum einen anderen Ortsteil des heutigen Königs Wusterhausen existieren mehr Bücher und lokalhistorische Beiträge als über Zeesen. Im Mittelpunkt standen häufig Künstler wie Gustav Gründgens (Völker 2008), vor allem aber das einstige Rüstungsunternehmen „Schütte-Lanz“ und damit zusammenhängende Ereignisse. Dessen Schicksal besiegelte bekanntlich der Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919, als Deutschland u.a. der Bau von Luftschiffen, Flugzeugen, Panzern und ähnlichen kriegstauglichen Konstruktionen verboten worden war. Die Immobilien der „Schütte-Lanz-AG“ in Zeesen gingen im April 1925 an die Deutsche Reichspost über, wobei nach Tradition der kaiserlichen Heereszentralfunkstelle Königs Wusterhausen längst nicht nur zivile Rundfunkinteressen, sondern auch militärpolitische Aspekte hinsichtlich weltweiter Sende- und Empfangsmöglichkeiten maßgebend waren.

Unter Ausnutzung des Geländes und der Baulichkeiten des ehemaligen Schütte-Lanz-Unternehmens wurde hier Ende des Jahres 1926 vom „Unterausschuss zur Förderung der Kraftpflugverwendung“ beim „Reichsausschuss für Technik in der Landwirtschaft“ (RTL) die „Deutsche Landkraftführerschulen GmbH“ Zeesen ins Leben gerufen (100 Jahre KTBL 2023, 15). Der Eintrag der GmbH ins Handelsregister B im Amtsgericht Königswusterhausen erfolgte am 31. Dezember 1926 (Landesarchiv Berlin, C Rep. 304 Bezirksvertragsgericht, Nr. 53718 Deutsche Landkraftführerschulen „Deulakraft“ GmbH) (Abb. 1).

Bereits 1920 hatte sich auf Anregung maßgeblicher agrarischer Kreise und der Landmaschinenindustrie jener „Reichsausschuss für Technik in der Landwirtschaft“ (RTL) konstituiert, der dann als „Beirat“ beim 1919 neugegründeten Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft unter Minister Dr. A. Hermes beratend tätig wurde (100 Jahre KTBL 2023, 15). Die Initiativen des RTL konzentrierten sich auf die wissenschaftliche und technische Durchdringung der Landwirtschaft, insbesondere auf deren motorisierten Maschineneinsatz, vor allem mit Traktoren. In Bornim bei Potsdam entstand z.B. das erste deutsche Schlepperprüffeld (100 Jahre KTBL 2023, 28). Es spricht viel dafür, dass die Anregung zur Standortwahl Zeesen aus der Führungsebene der „Heinrich Lanz Mannheim AG“ gekommen war, die sich 1925 mit dem Bau von landwirtschaftlichen Kleinkraftschleppern industriell wieder erfolgversprechend betätigte. Die offizielle Stellvertretung der Landmaschinenindustrie in diesem Gremium wurde anfangs vom Direktor der Zweigniederlassung Berlin der Firma wahrgenommen, die von da an im Reichsausschuss bzw. -kuratorium personell immer vertreten war.

Diese neue Ansiedlung in Zeesen wird in jüngeren ortsgeschichtlichen Beiträgen gemeinhin als Musterbeispiel erfolgreicher Konversion – der Umwandlung von militärischen Gütern, Flächen und Produktionen zur zivilen Nutzung – angesehen, sozusagen vom „Flugplatz zum 'Pflugplatz'“ (Hafemann 2023, 144). Dabei werden Fortschritte technischer Durchdringung der Landwirtschaft von den Autoren durchaus objektiv gewürdigt. Ein Autor erklärt sehr richtig: „Die Aufgabe der neuen Deulakraft bestand darin, sowohl Besitzer als auch Führer von Motorpflügen und Traktoren technisch und praktisch in vierwöchigen Kursen umfassend auszubilden, sodass diese in der Lage waren, die damals kostspieligen Geräte und Fahrzeuge sachgemäß zu verwenden und zu warten“ (Hafemann 2023, 144). (Abb. 2-6). An anderer Stelle ist zu lesen, dass dank angeblich vom Reichsernährungsminister angeordneter Errichtung von Landkraftführerschulen ab 1927 durch die „Deutsche Landkraftführerschulen (DEULAKRAFT) GmbH“ in Zeesen „Pionierarbeit für die Landwirtschaft“ geleistet worden wäre, die dann für ganz Deutschland zum Begriff geworden sei (Dussa 2021, 122-127). Militärische Gesichtspunkte scheinen bei dem Unternehmen, will man diesen Veröffentlichungen glauben, keine Rolle gespielt zu haben.

In der Jubiläumsschrift des „Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V.“ (KTBL) von 2023, das sich als Nachfolger und in der Tradition des o.g. „Reichsausschusses für Technik und Landwirtschaft“ sieht, ist die Firmengründung dagegen wie folgt beschrieben: „In Zeesen bei Königs Wusterhausen wird die Deutsche Landkraftführerschulen (DEULAKRAFT) G. m. b. H. als eigenständige Lehranstalt gegründet, Träger ist das Reichslandwirtschaftsministerium; unterhalten wird die DEULAKRAFT aber vom Verteidigungsressort im Rahmen der geheimen Aufrüstung. Landwirtschaftliche Kräfte werden anfangs nur zur Tarnung geschult.“ (100 Jahre KTBL, 24).

Dieser hier genannte militärpolitische Hintergrund wird in den erwähnten lokalgeschichtlichen Darstellungen nicht andeutungsweise berücksichtigt. Der ursprünglichen Rolle der „DEULAKRAFT GmbH“ wirklich gerecht zu werden, bedarf daher der Betrachtung einiger geschichtlicher Zusammenhänge.

Traktoren und Panzer

Führende Kreise der deutschen Industrie und die Reichswehrgeneralität hatten ihre militärische und politische Niederlage von 1918 niemals anerkannt. Mit dem Ziel der Eroberung eines europäischen Großwirtschaftsraums und anschließender globaler Expansion war ihr Streben darauf gerichtet, Vorbereitungen auf einen neuen Krieg zu treffen. Seit 1921 vorbereitete geheime Rüstungspläne der revanchistischen Reichswehrführung sahen den Ausbau der Reichswehr zu einem modern bewaffneten Massenheer vor. Eingedenk der Kriegserfahrungen erhielten bei der Modernisierung aller Waffenarten die allgemeine Heeresmotorisierung und die gepanzerten Truppen den Vorrang (Berthold 1988, 216). Zugleich war angesichts im Krieg erlebter und lange nach dem Krieg noch immer unbeschreiblicher Hungersnot der technische Rückstand der Agrarwirtschaft zweifellos ein akutes Problem. „Motorisierung der Landwirtschaft“ schien ein Lösungswort zu effektiverer Nahrungssicherstellung zu sein. Das Hauptinteresse galt besonders Schleppern bzw. Traktoren, „um die deutsche Landwirtschaft so zu technisieren und zu rationalisieren, dass bzgl. des menschlichen Arbeitskräfteeinsatzes ein verlässlicherer Agrarbereich, nicht zuletzt für den Fall eines weiteren irgendwie bereits vorgedachten Krieges bestünde“ (Jacobeit 1994, 224).

Was lag näher, als materiell-technische und personelle Voraussetzungen zu schaffen, die sowohl der Entwicklung von Landwirtschafts- als auch Kampftechnik von Nutzen sein konnten. Hier trafen sich die Interessen führender deutscher Industrieller, Bankiers, Großagrarier, Politiker und der Reichswehrführung in für alle Seiten vorteilhafter Weise. Früh formierten sich streng geheime personelle Netzwerke dieser Akteure, um systematisch den Versailler Vertrag zu umgehen. Die ‚Netzwerker‘ organisierten z.B. die Produktion als landwirtschaftliche Schlepper getarnter Panzerkonstruktionen. Diese bei allen Waffengattungen ähnlichen geheimen Vorgänge zum Erhalt oder Aufbau militärischer Fähigkeiten werden als illegale Aufrüstung, weil gegen den Versailler Friedensvertrag von 1919 verstoßend, bezeichnet.
So befasste sich der „Reichsausschuss für Technik und Landwirtschaft“ (RTL) nach außen hin mit dem agrartechnischen Fortschritt zur Rationalisierung der landwirtschaftlichen Produktion. Ab 1925 neu strukturierte Abteilungen des Heereswaffenamtes im Reichswehrministerium intensivierten dagegen die Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und führenden Industriellen, die ihrerseits dafür legale und illegale Strukturen zur Wiederbewaffnung Deutschlands formierten. Zum Beispiel traf Dezember 1925 Generaloberst Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, im Ruhrgebiet mit Industriemagnaten zusammen, die als ehemalige Rüstungsunternehmer nach neuen Absatzmärkten suchten. Im Haus von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der „Villa Hügel“, erörterte er mit dem Schwager Gustav Krupps, Tilo Freiherr von Wilmowsky (1878-1966), stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der „Fried. Krupp AG“, und Direktoren wie Dr. Oesterlen (techn. Leiter) künftige Rüstungsaufträge, u.a. die Konstruktion von „deutschen Tanks“ in den Krupp-Werken sowie mit Krupps Hilfe die „Herstellung von Tankmodellen“ in Schweden (Eichholtz/Schumann 1969, 85; Dokument 5). Als aus dem o.g. Reichsausschuss (RTL) 1927 auf Veranlassung von Reichslandwirtschaftsminister Dr. h.c. Schiele (DNVP) das „Reichskuratorium für Technik in der Landwirtschaft e.V.“ (RKTL) geworden war,  wurde Wilmowsky 1928 als sein Parteikollege und Wunschkandidat zum Vorsitzenden gewählt (100 Jahre KTBL 2023, 25).
Die Landmaschinenindustrie wünschte sich mehr praktische Schulungen zum Absatz ihrer agrartechnischen Neuerungen, und in der vorwiegend für Transportaufgaben bestehenden „Kraftfahrtruppe der Reichswehr“ bildete sich bereits die „Kraftfahrkampftruppe“ heraus. Seit 1926 unterhielt die Reichswehr auch die „Kraftfahr-Versuchsstelle (Verskraft)“ auf dem Gelände des Schießplatzes Kummersdorf bei Zossen. Der Ausbildung mit verbotenen Waffen kam also jetzt besondere Bedeutung zu.

Bereits ältere Literatur hatte deshalb die militärische Funktion der „DEULAKRAFT“ Zeesen in diesem Sinne bewertet: „Technisch-konstruktive Schritte zur Entwicklung leistungsfähiger Gleiskettentraktoren waren nahezu identisch mit den militärischen Bestrebungen zur Entwicklung von Panzern und Halbkettenfahrzeugen. Das personelle Problem - die Ausbildung sachkundigen Bedienungspersonals – wurde mit Hilfe des Kuratoriums [bzw. derzeit noch vom „Reichsausschuss für Technik und Landwirtschaft“ (RTL) – W.M.] gelöst. Vom Kuratorium wurde 1927 [meint Beginn des 1. Kurses; richtig: Jahresende 1926 – W.M.] in Zeesen bei Königs Wusterhausen die Deulakraft als Ausbildungsstätte für Traktorenfahrer gegründet, deren Absolventen durchweg in der Lage waren, auch Panzer zu bedienen“ (Berthold 1988, 330).

Deckname: Landkraftführerschule

Das Reichslandwirtschaftsministerium hatte die Trägerschaft übernommen, um der „DEULAKRAFT“ im Interesse der Reichswehr einen zivilen Tarnanstrich zu geben. Das Heereswaffenamt beabsichtigte, „angesichts der Motorisierung der Reichswehr mit schweren Maschinen eine genügende Anzahl von ausgebildeten Reichswehrsoldaten zur Verfügung zu haben.“ (GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 174). Die Leitung der „DEULAKRAFT“ war deshalb einem Oberstleutnant a.D. Ernst Reiner übertragen worden. Der erste Kurs in Zeesen begann am 14. März 1927. Ein Grund für gemeinsame Interessen von Industrie und Reichswehr lag auf der Hand: „Seit Mitte der zwanziger Jahre ließ die Reichswehrführung unter strengster Geheimhaltung drei leichte und zwei mittlere Panzertypen entwickeln.“ (Förster/Paulus 1977, 125) „Großtraktor“, „Leichttraktor“, „Neubaufahrzeug“, „Zugkraftwagen“, „Versuchskraftwagen 617“ waren einige der Tarnbezeichnungen für Motor- und Panzerentwicklungen von Firmen wie Daimler, BMW, Krupp, Hanomag und Rheinmetall. Um Produktionskapazitäten für eine Serienfertigung vorzubereiten, kam es darauf an, den jeweils zweckmäßigsten und besten Typ zu ermitteln. „DEULAKRAFT“ hatte speziell Erfahrungen mit Traktoren zu sammeln und Ausbildungsmethoden zu erproben.
Die Beziehungen von Reichswehr und Industrie zur „DEULAKRAFT“ in Zeesen hatte bereits der KPD-Reichstagsabgeordnete Ernst Schneller (1890-1944) während der Reichstagssitzung am 6. Juli 1927 in der Debatte zum Kriegsgerätegesetz als illegale Aufrüstung und Kriegsvorbereitung enthüllt, als er auf Grundlage des „Geschäftsberichts der Kraftpflugindustrie E.V. vom Januar dieses Jahres“ mitteilte, „wie auch in der Motorpflugindustrie die Herstellung von bestimmten Traktoren maskiert wird […] dass der Traktorenbau auf solche Typen eingestellt wird , die sich leicht auf Tanks umstellen lassen. Nach diesem Bericht […] ist eine Motorpflugführerschule gegründet worden, die sogenannte Deula-Kraft, Deutsche Land-Kraftführerschule G.m.b.H. in Zeesen bei Königs Wusterhausen. Sie wird von früheren Kraftfahroffizieren geleitet, und zwar von Oberstleutnant Reiner und Graf Münster, […] Beiträge für diese Führerschule werden vom Reichswehrministerium gezahlt“ (Verhandlungen des Reichstages. Bd. 393, 11339).  Über Reiner ist wenig Biographisches bekannt. Nachweislich war Oberstleutnant a.D. Ernst Reiner (1878 -1945?) beim Ausscheiden aus der Reichswehr im November 1926 Kommandeur der 1. (Preußischen) Nachrichtenabteilung (BArch - Militärarchiv, Freiburg i. Br., RW 59/2079). Überhaupt war die Schule mit weiteren ehemaligen Offizieren besetzt. Die verdeckte Militanz der Kraftführerschule mit ihrer Organisation und speziellen Öffentlichkeitsarbeit in Schriften und Bildern (1928 - Werbefilm mit Spielhandlung: „Hinter Motorpflug und Schraubstock“) war bei genauem Hinsehen früh erkennbar. Alles blieb auch konspirativ, als die „DEULAKRAFT“ im März 1928 dem „Reichskuratorium für Technik in der Landwirtschaft“ (RKTL) mit seinem Vorsitzenden Tilo Freiherr von Wilmowsky unterstellt wurde. Jedenfalls erfüllte Reiner als altgedienter Offizier seinen Spezialauftrag „mit großer Energie und weiser Mäßigung“ (DEULA, Schulen des KTL 1960, 11). Im Oktober 1928 durfte ein Journalist die Deutsche Landkraftführerschule in Zeesen besichtigen und stellte fest: „Ein Wunder fast, dass der frühere Feindbund in der Ausbildung zu Motorpflügern nicht tankmäßige Kriegsvorbereitungen sieht!“ (Teltower Kreisblatt, 12.10.1928).

Der KFZ-Bestand wurde systematisch aktualisiert, sodass im Jahre 1930 mindestens 30 sogenannte Landkraftschlepper verschiedener Hersteller, außerdem zwei LKW, fünf PKW und vier Kräder zum Fuhrpark gehörten (Teltower Kreisblatt, 06.06.1930). (Abb. 7) Von 1927 bis 1930 wurden etwa 6.500 Teilnehmer von „DEULAKRAFT“ in Schlepper-Reparatur-Kursen, Fahrschulkursen, technischen Kursen, Lehrbefähigungskursen und mit mobilen Wanderschulen ausgebildet, sogenannten „DEULAKRAFT-Karawanenschulen“ (Abb. 8, 9), die durchweg militärischen Erfordernissen entsprachen. Sie befähigten auch grundlegend dazu, Kriegsgerät ‚im Felde‘ zu reparieren. Gewiss wurde nicht jeder Kursteilnehmer Angehöriger der Reichswehr oder Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg. Es galt ja tatsächlich, mit Motorisierung der Landwirtschaft dem Ziel weitgehender Nahrungsmittelautarkie näher zu kommen. Nicht zuletzt wurde für den geplanten Kriegsfall ein riesiger Bedarf an Truppenpferden erwartet, an deren Stelle auf den Gütern und Bauernwirtschaften Technik treten konnte. Aber die (vor)militärtechnische Ausbildung an Traktoren in Zeesen hatte die Kaderreserve der Reichswehr erweitert und den landwirtschaftlich getarnten Erfahrungsschatz für militärtechnische Konstruktionen der Industrie bereichert. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass hier schon 1928 Sprengmeister-Ausbildungskurse zur Anwendung von „Romperit“- Sprengstoff stattfanden – offiziell zum ‚Sprengkulturverfahren‘, um Findlinge und Bodenverdichtungen zu beseitigen. Die militärische Anwendung von Romperit war im Krieg ausreichend praktiziert worden, z.B. 1916 bei Verdun.

Kapital, Reichswehr, NSDAP

Das Reichswehrministerium hatte seit Jahren zusammen mit traditionellen deutschen Rüstungsbetrieben an Beschaffung und Bau von Kampfwagen gearbeitet. Im Reichstag erklärte der Abgeordnete Schneller (KPD) am 15. März 1928 die Rolle des RKTL dabei: „Dieses Kuratorium ist eine Stelle, die keine andere Aufgabe hat, als die Zusammenarbeit der Traktorenindustrie mit dem Ernährungsministerium und dem Reichswehrministerium sicherzustellen.“ (Verhandlungen des Reichstages. Bd. 395, 13419). Britische Carden-Lloyd Kleinpanzer (Fabrikat Vickers Armstrong) waren getestet und gemeinsam mit Krupp eine eigene Konstruktion, als Raupenschlepper getarnt, entwickelt worden (Förster/Paulus 1977, 123f.). Als für Heeresmotorisierung und Aufbau der Panzerwaffe seit 1929/30 eine neue Entwicklungsphase begann, wurden von der Reichswehr in getarnten Lehrgängen sogenannter Fachschulen und seit 1929 (bis 1933) in der UDSSR Panzerbesatzungen herangebildet (Zeidler 1994, 190). In höchstens fünf Jahren sollten moderne Panzertruppen aufgestellt sein, wozu die Ausbildung in Zeesen nicht ausreichen konnte. Die DEULAKRAFT war nach den ersten Jahren für die Reichswehr militärisch weniger interessant geworden, ohne für paramilitärische Zwecke überflüssig geworden zu sein. Dennoch verfügte Reichswehrminister Groener im Jahre 1930 die Schließung der Schule und Einstellung der Zahlungen. Aber das war die Begründung nicht allein. Während der Weltwirtschaftskrise seit 1929 wurde erkennbarer, dass die NSDAP von bestimmten Bank- und Monopolkreisen nicht nur finanziell unterstützt wurde und die Nazis ihren Terrorapparat wie die paramilitärische SA mit Hilfe der Reichswehr weiter ausbauten. Faschisten gewannen besonders dort zunehmenden Einfluss, wo ihnen günstige Bedingungen dafür geboten wurden.

Polizeibericht an das Polizeipräsidium Berlin vom 18. Oktober 1930: „Die bei der Deutschen Landkraftführerschule in Zeesen b. Königs Wusterhausen beschäftigten Lehrer, etwa 30, sollen zum größten Teil der NSDAP angehören bzw. nahestehen. Was man auch von dem Leiter dieser Schule, die dem Landwirtschaftsministerium untersteht, Oberstleutnant a.D. Reiner, und dessen Sekretär, einem früheren Leutnant namens Schäfer, annimmt. Die bei der Deutschen Landkraftführerschule ständig zur Ausbildung befindlichen Landwirtssöhne […] sollen während ihres 6-wöchigen Kurses in Zeesen stark für die NSDAP interessiert werden. Das Lehrpersonal sowie die jeweiligen Schüler stellen auch die größte Zahl der SA-Angehörigen des Trupps Königs Wusterhausen dar.“ (BLHA, Rep. 2A I Pol Nr. 100, fol. 579).

Führungspersonen der „DEULAKRAFT“ hatten sich bereits vor ihrer Anstellung in Zeesen als SA-Führer bewährt und bildeten in der Schule u.a. SA-Männer in Fahrschulkursen aus, getarnt als „Privatfahrschule der Deulakraft GmbH (Fahrschule)“. Unübersehbar: „Die Schule hatte sich um 1930 zu einer Hochburg der Nationalsozialisten entwickelt […] Der Skandal wurde freilich mit Ermahnungen von Leitung und Mitarbeitern der Deulakraft behände unter den Teppich gekehrt.“ (Uekötter 2011, 293)

Dieses NS-Gespinst war im Jahre 1930 besonders von der zeitgenössischen Linkspresse scharf angegriffen worden. Direktor Oberstleutnant a.D. Reiner erklärte später den Fakt so: Schon „[…] allein deshalb, weil ich als alter Offizier Leiter war und es natürlich auch durchsickerte, dass das RWM [Reichswehrministerium – W.M.] der Deulakraft nicht fernstand […] und die Deulakraft selbst eine nationalsozialistische Zelle sei […] Ich habe diese nationalsozialistischen Bestrebungen unterstützt, musste natürlich nach außen hin sehr vorsichtig sein.“ (BArch, R.9361 II/452201). Weitere Skandalnachrichten über republikfeindliche Handlungen von „DEULAKRAFT“-Mitarbeitern und Kursteilnehmern in der Region Königs Wusterhausen hatten damals Reichswehrminister Groener und auch den Preußischen Staatsminister des Innern, Severing, erreicht (GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 147). Diese Vorgänge glichen atmosphärischen Störungen im Komplex geheimer Vorbereitungen der Reichswehr auf den Fall eines „inneren Notstandes“, in gewisser Weise auch der weiteren Realisierung des geheimen 1. Rüstungsprogramms (1928 -1932). Während der Haushaltsdebatte des Reichstages im März 1931 musste sich Groener erklären. Die SPD-Zeitung „Vorwärts“ zitierte ihn: „Die Deulakraft bekommt seit 1930 keine Mittel mehr, der Betrieb wird liquidiert.“ (Vorwärts Nr. 115. 10. März 1931, 2). Als Reichswehrminister Groener im Mai 1931 nochmals die Auflösung der „DEULAKRAFT“ bestätigte, intervenierten einflussreiche industrielle und landwirtschaftliche Netzwerke, besonders das RKTL unter Leitung Tilo Freiherr von Wilmowskys (GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 106007, fol. 167). Auch der Chef des Stabes der Abteilung Inspektion der Verkehrstruppen im Reichswehrministerium, Oberst Oswald Lutz (1876 - 1944 München; zuletzt General der Panzertruppe im Zweiten Weltkrieg), hatte am Fortbestehen der Einrichtung vertraulich Interesse bekundet und mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) dementsprechende Verhandlungen aufgenommen.

Die Reichswehr wurde am 19. April 1932 im Verwaltungsausschuss der „DEULAKRAFT“ durch Oberleutnant a.D. Hans von Fichte (seit 1928 Reichswehr-Angestellter als Referent z.b.V. beim Wehrkreis-Kommando III - Berlin/Mark Brandenburg) vertreten - Seite an Seite mit Dr. Willi Schlabach und Tilo Freiherr v. Wilmowsky vom RKTL – und erwies sich wie bisher als großzügig (GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 141). Schließlich war die DLG bereit, als neuer Träger den Fortbestand der Schule zu gewährleisten – im Interesse weiterer Motorisierung der Landwirtschaft sowie spezifischer Ziele der Reichswehr.
Das militärische Gründungsmotiv tarnend, hatte die „DEULAKRAFT“ sich im Laufe der Zeit unter Agraringenieuren und -wissenschaftlern, Landmaschinenproduzenten und bäuerlichen Interessenvertretungen als agrartechnische Ausbildungsfirma Ansehen erworben. Am 20. Mai 1932 bestätigt das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Schreiben an das RKTL die Weiterführung der „DEULAKRAFT-Schule“ (GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 245).

Zeitenwende zum Ernstfall

Noch waren den deutschen Waffenschmieden die Hände gebunden. Seit dem 2. Februar 1932 tagte mit Unterbrechungen (bis 11. Juni 1934) in Genf eine internationale Abrüstungskonferenz. Ihr Verlauf führte mit einer Resolution im Dezember 1932 de facto jedoch zur Anerkennung deutscher Rüstungsgleichberechtigung. Damit zeichneten sich Chancen für die legale Wiederaufrüstung ab. Zunächst aber blieb der Reichswehr, in den Kursen der „DEULAKRAFT“ für sich einen gewissen militär- und personaltechnischen Nutzen zu sehen und diese erwartungsvoll wie bisher großzügig zu unterstützen (Hochstetter 2005, 255/56).

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Generalfeldmarschall a.D. Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. „Die Nationalsozialisten strukturieren das landtechnische Organisationswesen komplett um […] Das RKTL bekommt nach Gleichschaltung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft die gesamten Geschäftsanteile der DEULAKRAFT G. m. b. H. übertragen.“ (100 Jahre KTBL 2023, 33). Der Vorstand des RKTL wurde von den Nazis zum Rücktritt aufgefordert und Tilo Freiherr von Wilmowsky durch Walter Gramzow, einem ranghohen NSDAP-Mitglied, ersetzt.

Am 1. November 1933 wurde in Zossen ein sogenanntes „Kraftfahrlehrkommando“ als erster Panzerausbildungstruppenteil aufgestellt. Auch die „DEULAKRAFT GmbH“ hatte mit ihren Schlepperführer- und Reparaturkursen dem faschistischen Regime ermöglicht, „in wenigen Jahren eine modern ausgerüstete, schlagkräftige Aggressionsarmee zu schaffen […] Im Dezember 1933 lagen drei Prototypen unter der Tarnbezeichnung ‚Landwirtschaftlicher Schlepper‘ (LaS) vor. Ein halbes Jahr später erging bereits ein Serienauftrag für 150 Stück.“ (Förster/Paulus 1977, 126).

Bis 1933 hatte die „DEULAKRAFT“ in Zeesen über 11.000 Kursanten geschult. Sie wurde im Jahr 1935 unter Oberstleutnant a.D. Direktor Ernst Reiner, seit Mai 1933 NSDAP-Mitglied (BArch Berlin, R 9361-IX Kartei/34210951), nach Berlin-Weißensee in das ehemalige Gut Wartenberg verlegt.

Fazit

Die „Deutsche Landkraftführerschule“ in Zeesen war bis Januar 1933 eine landtechnische Lehranstalt, die von Beginn an auch als getarnte vormilitärische Test- und Ausbildungsstätte der Reichswehr im Rahmen planmäßiger Kriegsvorbereitung sowie als Schulungshort der NSDAP und ihrer SA diente. Ganz im Sinne des RKTL waren die agrartechnischen Kurse zunehmend darauf ausgerichtet, auch die deutsche Landwirtschaft für den Kriegsfall zu rüsten (100 Jahre KTBL 2023, 38).

Quellen

Bundesarchiv Berlin (BArch), Militärarchiv, Freiburg i. Br., RW 59/2079 Ausgeschiedene Offiziere des Heeres (Abgangskartei I).

BArch Berlin, R.9361 II/452201, Bestand Parteikorrespondenz (Brief Reiner an Seifert v. 05.12.1933).

BArch Berlin, R 9361-IX Kartei/34210951.

BArch Berlin, Akte DC 15/974 (Beschluss der DWK S 277/48).

Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam (BLHA), Rep. 2A I Pol Nr. 100, fol. 579.

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK), I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 174 (Schreiben v. 27. März 1931).

GStA PK, I HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 147 (Schreiben A. Falk v. 10. Februar 1931).

GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 106007, fol. 167.

GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 141.

GStA PK, I. HA Rep 87 B Nr. 10607, fol. 245.

Landesarchiv Berlin, C Rep. 304 Bezirksvertragsgericht, Nr. 53718

Teltower Kreisblatt, 12.10.1928 (Mit der A.T. L. in Zeesen) (Sammlung Klaar).

Teltower Kreisblatt, 06.06.1930

Verhandlungen des Reichstages. Stenographische Berichte. Bd. 393. S. 11339 (335. Sitz., Mittwoch den 6. Juli 1927, Abgeordneter Schneller, KPD). Berlin 1927.

Verhandlungen des Reichstages. Stenographische Berichte. Bd. 395. S. 13419 (400. Sitzung. Donnerstag den 15. März 1928, Abgeordneter Schneller, KPD).

Vorwärts, Nr. 115 10. März 1931, S. 2 (Die Reichswehr im Brennpunkt).

Literatur

100 Jahre KTBL – eine Chronik 1923-2023. hrsg. vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V. Frankfurt am Main 2023. [Siehe: Hier]

Berthold, Rudolf (Hrsg.): Geschichte der Produktivkräfte in Deutschland von 1800 bis 1945 (3 Bände). Bd. 3. Berlin 1988.

Deula - Schulen des KTL. Entwicklung und heutige Lage der deutschen Landmaschinenschulen des Kuratoriums für Technik in der Landwirtschaft (= Flugschrift des Kuratoriums für Technik in der Landwirtschaft e.V.; 8). Wolfratshausen bei München 1960.

Eichholtz, Dietrich / Schumann, Wolfgang (Hrsg.): Anatomie des Krieges. Berlin 1969.

Dussa, Ulla: Die Deutsche Landkraftführerschule (Deulakraft) in Zeesen. In: Heimatkalender 2021, Königs Wusterhausen und Dahmeland, S. 122-127.

Fischer, Gustav: Wie ich zur DEULA kam. In: Max-Eyth-Gesellschaft für Agrartechnik (MEG) e. V. (Hrsg): Miterlebte Landtechnik. Band II. Darmstadt 1985.

Förster, Gerhard / Paulus, Nikolaus: Abriss der Geschichte der Panzerwaffe. Berlin 1977.

Hafemann, Denny: Hergestellt im Verborgenen. Der Ort Zeesen und seine besondere Industrie- und Militärgeschichte. Königs Wusterhausen 2023 (2. Aufl.).

Hochstetter, Dorothee: Das Nationalsozialistische Kraftfahrtkorps (NSKK) 1931-1945. München 2005.

Jacobeit, Wolfgang: Das „Reichskuratorium für Technik in der Landwirtschaft“ (RKTL) und die Bauern. In: Reif, Heinz (Hrsg): Ostelbische Agrargesellschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Berlin 1994.

Uekötter, Frank: Die Wahrheit ist auf dem Feld. Umwelt und Gesellschaft. Band 1. Göttingen 2011.

Völker, Klaus: Mephistos Landhaus. Klabund (1926) und Gründgens (1934 -1946) in Zeesen (= Frankfurter Buntbücher). Berlin 2008.

Zeidler, Manfred: Reichswehr und Rote Armee 1920-1933. Wege und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit. Oldenburg 1994 (2. Aufl.).

Abbildungsnachweis

Abb. 1 Schiffbeker Zeitung, Beilage 13, 1.2.1927.

Abb. 2-4, 6, 7 Gemeinfrei.

Abb. 5 Archiv Hubert Flaig.

Abb. 8, 9 Bundesverband Deula e.V.

Empfohlene Zitierweise

Müller, Wolfgang: Deutsche Landkraftführerschulen (DEULAKRAFT) GmbH Zeesen (1926-1935), publiziert am 03.04.2025; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Preußische Provinz
Themen: Wirtschaft - Herrschaft und Verwaltung - Militär - Bildung und Kultur

Thomas Kersting

Luckenwalde, knapp 40 Kilometer südlich von Berlin, liegt am Flüsschen Nuthe am Fuße des Niederen Fläming. Die Nuthe fließt bei Potsdam in die Havel, welche ihrerseits, nachdem sie das seenreiche Havelland nördlich der Zauche und die für unsere Region namengebende Doppel- und Domstadt „Brandenburg an der Havel“ durchflossen hat, bei Havelberg in die Elbe mündet.

Mit diesen ebenso topographischen wie historischen Begriffen ist der Bereich des slawischen Stammes der Heveller grob umschrieben, die vom Fluss ihren Namen und auf der Brandenburger Dominsel wohl seit dem 8. Jahrhundert ihren Hauptsitz in Form einer großen, mehrteiligen Burgwallanlage hatten (Kersting 1997, 11-15) (Abb. 1, 2).

Archäologie der Slawenzeit

Mit der Slawenzeit beginnt im Raum östlich der Elbe im 8. Jahrhundert eine Epoche mit einer großflächigen Landnahme einer zuvor hier nicht heimischen Bevölkerung aus dem Osten und Südosten, die - wenn überhaupt - höchstens punktuell noch auf geringe Reste der Vorbevölkerung traf, nämlich der im Rahmen der Völkerwanderungszeit weitestgehend nach Südwestdeutschland abgewanderten Germanen. Ein Kontakt ist archäologisch nicht nachgewiesen, und falls er dennoch stattgefunden haben sollte, wohl auch kaum historisch wirksam geworden, wenn man von der möglichen Überlieferung einiger vorslawischer Flussnamen absieht.

Zu den übergreifenden Themen der Slawenzeit in der nordwestlichen Germania Slavica wurde vor allem Sebastian Brather (Brather 2001) herangezogen. In großen Teilen immer noch unverzichtbar ist das Werk von Joachim Herrmann (Herrmann 1985). 

Am Ende des so genannten „Slawischen Mittelalters“ steht ein ähnlicher Prozess, bei dem wiederum fremde Bevölkerungsgruppen einwandern, diesmal jedoch als Zuzug aus dem Westen unter dem Weiterbestehen der autochthonen slawischen Bevölkerung. In der Folge kam es zu einer Koexistenz, bei der die archäologisch fassbaren Überreste slawischer Tradition allerdings sehr bald aus dem Fundspektrum verschwinden, weil sie durch das Sachgut der neuen Siedler - und gleichzeitig der neuen Herrschaft - ersetzt wurden. Durch slawische Orts- und Flurnamen sowie Personennamen (bzw. Namensbestandteile bei Mischnamen) ist diese Koexistenz noch über Jahrhunderte nachweisbar, bis die slawische Sprache in großen Bereichen verschwindet. Das bis heute zweisprachige Sorbengebiet in Südost-Brandenburg und in Sachsen zeugt aber bis heute von dieser Bevölkerungskontinuität.

Umso günstiger, wenn diese Fragen anhand der Bestattungs- und Beigabensitte beleuchtet werden können, die Einblicke in transzendente Vorstellungen und eigenes Selbstverständnis erlauben.

Wenn sich jedoch diese Quellengattung dem archäologischen Nachweis entzieht, wie an der Wende zur frühen Slawenzeit in Brandenburg - die Slawen bestatten offenbar in weitestgehend beigabenlosen Brandstreuungsgräbern - wird der Blick auf die Verhältnisse erheblich verstellt. Das Gleiche gilt für das Ende des Zeitraumes der Archäologie der Slawenzeit, da schon um 1000 im Zuge einer Christianisierung der Oberschicht die christliche Bestattungsweise in beigabenlosen Körpergräbern aufgenommen wird.

Somit können im westslawischen Gebiet die Verhältnisse in der Zeit des Landesausbaues und die daran beteiligten Bevölkerungsgruppen häufig nur anhand des Fundmaterials unterschiedlicher Tradition abgeschätzt werden; eine unbefriedigende Situation, die durch nur spärliche und oftmals vieldeutige schriftliche Überlieferung nicht gemildert wird.

Als strukturelles Problem der slawischen Archäologie wirkt sich zudem der Umstand einer hohen Datierungsunschärfe gerade der Keramik negativ aus. Die wesentlichen drei Keramik-Stilarten (früh-, mittel-, spätslawisch) in unserem Raum dürfen nur tendenziell mit Zeithorizonten gleichgesetzt werden. Ein genauerer Datierungsanhalt ergibt sich also im Prinzip nur aus dem prozentualen Verhältnis der Scherben der einzelnen Keramikstilarten in einem geschlossenen Fundkomplex, hier durchaus auch Siedlungsschichten oder -gruben; was gleichzeitig bedeutet, dass nur Fundkomplexe mit repräsentativer Scherbenanzahl datiert werden können. Eine methodische Diskussion kann und soll hier nicht geführt werden (vgl. Brather 1996).

Historisch

Beim Bayerischen Geographen (zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts) und in der Völkertafel des englischen Königs Alfred (zwischen 871 und 899) werden zahlreiche slawische Stämme mit Angaben zur Lokalisierung überliefert. Für Havelland und Zauche (auch als „Heveldun“ erwähnt) sind dies die Heveller, die zum größeren Stammesverband der Wilzen gehörten. Ihr Hauptort - in deutschen Quellen als Brennaburg bezeichnet - wird 928/29 durch Heinrich I. im Rahmen eines Böhmenfeldzuges vorübergehend erobert. König Otto I. plant die Eingliederung der slawischen Gebiete zwischen Elbe und Oder durch Missionierung und Eroberung - mit Kreuz und Schwert - und richtet 948 Bistümer in Havelberg und Brandenburg ein; zwanzig Jahre später werden diese dem neu gegründeten Erzbistum Magdeburg untergeordnet.

Der Slawenaufstand des Lutizenbundes von 983 setzt dieser Entwicklung ein Ende; für rund 150 Jahre entwickeln sich der größere Teil des heutigen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommerns, darunter die hevellische Herrschaft, politisch relativ unabhängig. Luckenwalde und der Fläming gehörten wohl im 10. Jahrhundert als „Gau Ploni“ (Nuthe-Plane-Gebiet) zum Einflussgebiet der Heveller und des Brandenburger Bistums. Eine bischöfliche Urkunde bestätigt noch 1217 dem Domkapitel zu Brandenburg an der Havel in einer Grenzbeschreibung dessen Besitzungen, wobei unter verschiedenen „Burgwarden“ auch Luckenwalde aufgeführt wird.

Der letzte, bereits christliche Hevellerfürst auf der Brandenburg, Pribislav-Heinrich, überließ gegen 1130 die Zauche („tota zucha“) als Patengeschenk dem unmündigen Sohn des askanischen Markgrafen Albrecht (dem „Bären“) sowie etwa 20 Jahre später diesem auch seinen ganzen Herrschaftsbereich nach seinem Tod, offenbar in realistischer Einschätzung der Zeichen der Zeit.

Inzwischen hatte, ausgelöst durch den Aufruf Bernhards von Clairveaux zum „Wendenkreuzzug“, im Jahre 1147 die Expansion deutscher Fürstentümer, weltlicher wie geistlicher, in das Gebiet zwischen Elbe und Oder begonnen. Über diese - nicht immer gewaltfreien - späteren Zeiten deutsch-slawischer Kontakte unterrichten uns u.a. Quellen wie die Slawenchronik des Helmoldt von Bosau (Stoop 1963).

Burgen

Zur Herrschaftssicherung dienten sowohl in der Slawenzeit als auch zur Zeit der Inbesitznahme durch die neuen Herren befestigte Anlagen, also Burgen (Herrmann 1960).

Bei einer Gesamtzahl von etwa 3.000 Burgwällen im gesamten westslawischen Raum wird klar, dass es sich um ein allgemein gängiges Phänomen im östlichen Mitteleuropa handelt. Die schwerpunktbildende Verbreitung slawischer Fundplätze und die leeren Zonen dazwischen sind schon früh mit Siedlungsgebieten von in zeitgenössischen Quellen aufgezählten „Stämmen“ in Verbindung gebracht worden, ob immer zu Recht, sei dahingestellt. Eine deutliche Raumbezogenheit des Phänomens Burgwall, also einer Zuordnung zu einem jeweils etwa vergleichbaren Gebiet, einer Siedlungskammer, dürfte außer Frage stehen; bei kleinräumiger Betrachtung deutet sich häufig ein Bezug jeweils mehrerer Siedlungen auf einen einzelnen, mehr oder weniger zentralen Burgwall an, was im Sinne zusammengehöriger Siedlungskammern mit einem jeweiligen „Burgenvorort“ zu interpretieren sein dürfte. Die Lage der Burgwälle nimmt regelhaft Bezug auf strategische Gegebenheiten wie Straßenverläufe, Gewässer-Übergänge, Sporn- oder Niederungslagen. Mangels anderer Materialien handelt es sich durchweg um Holz-Erde-Konstruktionen in allen denkbaren Varianten (Kersting 2004).

Dabei wird offenbar sowohl während des kurzen Intermezzos der deutschen Herrschaft im 10. Jahrhundert - zu dieser Zeit kommt die Bezeichnung „Burgwarde“ auf - als auch in der Zeit des planmäßigen Landesausbaues im Zuge der Ostsiedlung ab dem 12. Jahrhundert auf bereits bestehende Anlagen zurückgegriffen.

Herrschaftssicherung ist in diesem Zusammenhang durchaus nicht nur als Sicherung gegen die autochthone Bevölkerung zu verstehen, sondern auch und gerade gegen rivalisierende Konkurrenten im lukrativen Geschäft des Landesausbaues (Herrmann 1986).

In unserem Raum zwischen Zauche, Teltow und Fläming waren die aktiven Gestalter und Träger des Landesausbaues, die neue Siedler aus den Altsiedelgebieten ins Land riefen, der Brandenburger Markgraf Albrecht der Bär aus askanischem Geschlecht, der Magdeburger Erzbischof Wichmann aber auch die Wettiner aus dem sächsischen Meißen sowie zeitweise sogar polnische Landesherren.

Der Landschaftsname des Fläming erklärt sich mit der Herkunft von Teilen der Neusiedler, denn Albrecht der Bär schickte „zu jener Zeit […] nach Utrecht und den Rheingegenden, […] den Holländern, Seeländern und Flamen, zog von dort viel Volk herbei und ließ sie in den Burgen und Dörfern der Slawen wohnen“ (Stoop 1963) (Abb. 2)

Der Fall Luckenwalde: Bodendenkmalschutz contra Städtebau

Das Burgareal von Luckenwalde (Abb. 3) befindet sich auf einer flachen Talsandinsel, welche im Osten durch den Niederungszug eines Baches und im Westen durch die Niederung der Nuthe begrenzt wird. Auch im Süden befand sich wahrscheinlich ein versandeter Nuthearm. Möglicherweise waren diese Niederungen im 10./11. Jahrhundert noch wasserführend. Der dadurch nur eingeschränkt tragfähige Untergrund macht sich bis heute an älteren, aber auch jüngeren Bauten rund um das Burgareal in Form von ausgeprägten Setzungsrissen im Mauerwerk bemerkbar, beobachtet und dokumentiert durch Stefan Pratsch (Untere Denkmalschutzbehörde Luckenwalde). Auf alten Katasterplänen lässt sich die Geländesituation und die Ausdehnung der deutschen Burganlage anhand der Flurstücksgrenzen auf der Gemarkungskarte in 15 Blättern von 1865 noch gut nachvollziehen. Der heutige Geländeabfall von der Kuppe bis in die Niederungszüge beträgt lediglich etwa einen Meter.

Wenn eine mittelalterliche Burg mit einem Supermarkt überbaut wird, ist dies nicht an der Tagesordnung, war in diesem Falle aber aus städtebaulichen Gründen nicht zu verhindern, da das Areal in der Vergangenheit bereits mit Industrie- und Kaufhallen bebaut worden war, und nicht zuletzt die Stadt selbst in Form von Wohnbauten die Anlage auf allen Seiten umgibt.

Bodeneingriffe durch den geplanten Bau konnten durch das Fachamt in längeren Verhandlungen mit dem Investor über Gründungsvarianten jedoch auf ein Mindestmaß begrenzt werden. In den 1970er und 1980er Jahren hatten hier im Zusammenhang mit der Errichtung der Plattenbauten des Wohnkomplexes „Deutsch-Sowjetische-Freundschaft“ schon einmal vier Sondageschnitte und eine baubegleitende Dokumentation in einer der Baugruben stattgefunden. Damals konnten in kleinen Ausschnitten ein breiter, eventuell rechteckig verlaufender, und drei weitere vorgelagerte Befestigungsgräben dokumentiert werden, sowie ein kleiner Ausschnitt des Burginnenraums (Abb. 4). Hier fanden sich Steinpflaster und ein, abgestürzt im feuchten Grabensediment erhaltener Palisadenabschnitt, sowie andere hölzerne Gegenstände. Daher standen für die fachliche Beurteilung und die Auflagen für die denkmalrechtliche Erlaubnis detaillierte Erkenntnisse aus den Altgrabungen zur Verfügung (Grebe/Heine 1989).

Für die Grundfläche des eigentlichen Marktgebäudes, das im Zentrum der Burganlage zu liegen kommen würde, wurde eine maximale Baueingriffstiefe festgelegt, um hier eine Beeinträchtigung des Bodendenkmals auszuschließen, hier erfolgte lediglich eine „Versiegelung“ unter der Bodenplatte. So interessant und reizvoll es gewesen wäre, hier eine archäologische Dokumentation durchzuführen zu lassen, wäre damit doch in diesem Bereich nahezu ein Totalverlust des Bodendenkmals einhergegangen. Der Archäologe hat sich hier als Bodendenkmalschützer im Auftrag des Landes mit der gelungenen Durchsetzung des Primärschutzes im Sinne des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetztes zufrieden zu geben. Dabei sind die Kosten des „Sekundärschutzes“ - nämlich die der archäologischen Ausgrabung - für den Verursacher von Erdeingriffen ein überzeugendes Argument, noch in einem (fast zu) späten Planungsstadium eine bodendenkmalverträgliche Gründungsplanung erarbeiten zu lassen, sieht doch das brandenburgische Gesetz ausdrücklich eine Verursacherhaftung vor.

Für die zugehörige Anlieferungsrampe jedoch ließ sich ein Eingriff in die archäologische Substanz - voraussichtlich im Bereich der Burggräben - nicht ganz vermeiden. Hier wurde eine Fläche von ca. 800 m² zur vollständigen archäologischen Flächendokumentation bis in Bautiefe (ca. ein Meter unter Gelände) und punktuellen Tiefschnitten (unter Bautiefe) ausgewiesen. Im Zuge des Baufortschrittes (zusätzliche Errichtung eines Sprinklerbeckens) musste die zu dokumentierende Fläche um ca. 100 m² erweitert werden. Die Flächengrabungen in den genannten Bereichen erfolgten bauvorbereitend ab August 2003 bis März 2004, sie wurden durchgeführt von der Firma Wurzel Archäologie GmbH unter Leitung von O. Brauer.

Archäologische Ergebnisse

Bei den neuerlichen Grabungen wurde die deutsche Burganlage im Bereich ihres südöstlichen Verteidigungsringes erfasst. Dieser besteht aus vier gestaffelt liegenden Verteidigungsgräben, die wohl nicht zeitgleich existierten (Abb. 5). Durch Einbindung der Altgrabungen von 1979 und 1987 in den Gesamtplan (Abb. 4) gelang die Rekonstruktion der deutschen Burganlage vom nordöstlichen bis zum südlichen Abschnitt. Die Burganlage hatte zur Zeit ihrer größten Ausdehnung einen Nord-Süd Durchmesser von ca. 185 Metern und einen Ost-West Durchmesser von ca. 160 Metern, was etwa einer Grundfläche von 25.800 m² entspricht. Die Innenfläche lässt sich etwa auf die Maße Nord-Süd Durchmesser von ca. 110 Metern, Ost-West Durchmesser von ca. 85 Metern mit einer Gesamtfläche von ca. 9.600 m² rekonstruieren. Damit lässt sich die deutsche Burg von Luckenwalde als große, abgerundet eckige Niederungsburg mit einem Durchmesser von über 100 m beschreiben. Die Befestigungsgräben der deutschen Burganlage erwiesen sich leider als ausgesprochen fundarm. Es konnten lediglich wenige Keramikscherben harter Grauware des 11./12. Jahrhunderts geborgen werden. Entwickeltere Formen des 14./15. Jahrhunderts fehlen.

In den Gräben wurden Tiefschnitte bis in den anstehenden Boden unterhalb der Bautiefe geführt, einerseits zur Komplettierung der Profile sowie andererseits zur eventuellen Gewinnung dendrochronologisch datierbaren Probenmaterials, da bei den Altgrabungen zahlreiche Holzfunde aufgetreten waren.

Es konnte anhand der Profile eine Feinstratigraphie für die deutsche Burganlage mit ihren Ausbauphasen erstellt werden, der auch die Abfolge im Planum zu entsprechen scheint: in einer frühen Phase bestand der Verteidigungsring außen um den rechteckigen (?) Innengraben aus zwei ca. 13 m breiten Gräben und einem zwischen ihnen liegenden schmaleren und nicht ganz so tiefen Graben.

Die Hoffnung auf weiteres dendrochronologisch datierbares Material erfüllte sich allerdings nicht, da in den letzten Jahrzehnten der Grundwasserspiegel deutlich abgesunken sein muss, was in relativ kurzer Zeit zu einem schon weitgehenden Zerfall organischer Substanz geführt hat. Bedauerlich angesichts der damals noch zu bergenden hölzernen Gegenstände wie gedrechselte Schalen, Daubengefäße, Radfragmente und ähnliches mehr. Das Datum von 1191 n.Chr., das neuerdings aus der verstürzten Palisade im inneren Burggraben gewonnen werden konnte, korreliert zeitlich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Ausbauphase der Wallanlagen (Datum durch Dr. U. Heußner, DAI Berlin). Der Palisadenabschnitt ist im Heimatmuseum Luckenwalde ausgestellt.

Eine Überraschung bot die durch das Sprinklerbecken zusätzlich erforderlich gewordene Fläche: hier wurde ein weiterer Außengraben festgestellt, der den bereits bekannten gleicht.

Zudem konnte bei der jüngsten Grabung schließlich der Nachweis einer der Burg vorangegangenen Besiedlungsphase erbracht werden. Die hier angetroffene stratigraphische Situation von den Gräben geschnittener slawischer Grubenbefunde belegt eindeutig, dass sich an der Stelle der Burg in slawischer Zeit wohl schon seit dem 9. /10. Jahrhundert n.Chr. eine Vorbesiedlung des Geländes befunden hat. So ist es zu erklären, dass verlagertes slawisches Fundmaterial in allen dem deutschen Siedlungshorizont angehörenden Befunden auftritt. Dies wurde schon bei den Altgrabungen festgestellt, aber damals als in die deutsche Anlage verschlepptes Material gedeutet (Grebe/Heine 1989, 100).

Ob es sich aber bei der slawischen Besiedlung um eine offene Siedlung oder eine slawische Vorgänger-Burganlage gehandelt hat, wie angesichts der Topographie zu vermuten, ist anhand des dokumentierten Ausschnittes bedauerlicherweise nicht zu entscheiden.

Aus den slawischen Gruben ließen sich relativ wenige Keramikscherben mit Wellenverzierung des mittelslawischen Menkendorfer Typs bergen. Auch bei der Altgrabung war solches Material zutage gekommen, leider lässt es sich aufgrund einer gerade im Fläming retardierten Keramikentwicklung nicht genauer als in das 9. bis 12. Jahrhundert datieren. Es scheint nämlich im Fläming die gurtfurchenverzierte Keramik vom spätslawischen Typ, die auf der schnell drehenden Töpferscheibe produziert wurde, nicht vorzukommen; die Keramik des mittelslawischen Typs wurde offenbar bis in die Zeit der deutschen Zuwanderung weiterproduziert und benutzt (zuerst herausgearbeitet durch Janensch 1984). Da von diesem Platz jedoch unverzierte Keramik völlig fehlt, die zum frühslawischen Typ zählt, darf eine spätere Zeitstellung im angegebenen Zeitrahmen angenommen werden.

Hier lohnt zur Erläuterung ein Blick zu einem weiteren, slawenzeitlichen Fundplatz in der Luckenwalder Gemarkung (Abb. 3). Es handelt sich um eine etwas fragliche Burgwallanlage: etwa 1,5 Kilometer östlich findet sich ein offenbar befestigter Platz, der zwar ebenfalls Keramik vom mittelslawischen Menkendorfer Typ erbrachte, dazu in der Mehrzahl aber unverziertes, tendenziell frühslawisch datierendes Material (Grebe/Gustavs 1977). Unterstützt wird der sich daraus ableitende frühere zeitliche Ansatz ins 8./9. Jahrhundert durch eine bronzene Riemenzunge (Abb. 6), die von Joachim Werner als karolingisch erkannt wurde (Werner 1969, 497). Durch ihren Ausnahmecharakter im slawenzeitlichen Fundmaterial unseres Gebietes scheint das Stück auch die Interpretation des Fundplatzes als Burgwall (im Sinne eines der Oberschicht zuzuordnenden Phänomens) eher nahe zu legen als die einer „einfachen“ Siedlung.

Landesgeschichte

Die archäologischen Ergebnisse der Ausgrabung der Jahre 2003/ 2004 auf der deutschen Burganlage von Luckenwalde sind in einem weiteren Auswertungsschritt unbedingt in den Kontext der politischen Gegebenheiten und Aktivitäten der deutschen Inbesitznahme der slawischen Gebiete in Zauche, Teltow und auf dem Fläming einzubetten (vgl. Abb. 2), soweit dies angesichts der desolaten Quellenlage derzeit möglich ist (hierzu und im folgenden Brather 1997, 32-43).

Die deutsche Burg von Luckenwalde scheint wohl den frühesten Landnahme-Zeitraum der deutschen Herrschaft im Nuthe-Gebiet um die Mitte des 12. Jahrhunderts widerzuspiegeln. An der Nuthe wurde eine an topographisch-strategisch hervorgehobener Position befindliche slawische Ansiedlung (wenn es sich denn tatsächlich nicht um eine Befestigungsanlage handeln sollte) in Besitz genommen und zur eigenen Befestigung aus- oder umgebaut. Die etwas fragliche Burgwallanlage ca. 1,5 Kilometer weiter östlich, die ausweislich einer karolingischen Riemenzunge und der überwiegend unverzierten Keramik eher dem 9. /10. Jahrhundert angehört, könnte in diesem Falle als Vorläufer der slawischen Anlage unter der deutschen Burg angesehen werden. Derartige Konstellationen sind im slawischen Gebiet nicht selten zu beobachten; generell werden im Laufe des 10. Jahrhunderts zahlreiche Burgwälle, wohl im Zuge einer Machtkonzentration aufgegeben (Kersting 2004, 43).

Zu einem etwas späteren Zeitpunkt (wohl 1191, nach dem dendrochronologischen Datum) erfuhr die Burganlage eine Verstärkung bzw. einen Ausbau ihrer Wallanlagen. Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass damit offenbar politischen Notwendigkeiten im Grenzgebiet mehrerer konkurrierender Landesherrschaften Rechnung getragen wurde. Bei der ersten Nennung von 1217 wird die Burg jedenfalls noch im Zusammenhang mit dem Besitz des Brandenburger Bistums aufgeführt, möglicherweise also in Nachfolge der Verhältnisse zu den Zeiten der Heveller (Riedel, Codex Diplomaticus Brandenburgensis 1838-1869, A8, 135, zit. nach Grebe/Heine 1989, 96). Ursprünglich sollen jedenfalls der Hohe und Niedere Fläming ebenso wie Havelland und Zauche mit zur askanischen Nordmark gehört haben, was zwar umstritten ist, wofür aber inselartige Restbesitzungen im Niederen Fläming noch Jahrhunderte später sprechen könnten (Mangelsdorf 1991, 20).

Die folgenden mehrphasigen Überwallungen zeugen eindrucksvoll von der in den Augen der Zeitgenossen bestehenden Notwendigkeit, die Burg wehrhaft zu halten, ohne dass man im Einzelnen wüsste, wer zum jeweiligen Zeitpunkt die Burg innehatte; archäologisch dürfte dies auch kaum zu klären sein. Eine regelrechte Zerstörung durch kriegerische Einwirkung ist abgesehen von Brandschäden nicht nachzuweisen, es erfolgte offenbar ein kontinuierlicher Ausbau.

Im späten 13. Jahrhundert hatte sich dann das politische Gefüge im Nuthe- und Fläming-Gebiet offenbar so weit gefestigt, dass die Burg von Luckenwalde ihre Bedeutung verlor. Es ist lediglich eine weitere Nachricht zur Burg von 1285 erhalten: zu diesem Zeitpunkt wird sie - „castrum et oppidum“ - samt Stadt und elf Dörfern verkauft, und gelangt in den Besitz des unweit gelegenen Klosters Zinna (Brather 1997, 369).

Damit ging wahrscheinlich die Aufgabe zumindest in ihrer fortifikatorischen und politischen Funktion einher, wenn nicht gleich auch die konkrete Auflassung mit planmäßigem Abbau der Befestigungsanlage erfolgte; der sorgsame Abbau jedenfalls ist archäologisch nachgewiesen (so schon Grebe/Heine 1989, 98).

Das Zisterzienserkloster Zinna ist geistliches Zentrum des magdeburgisch-erzbischöflichen Besitzes im Niederen Fläming, dem Land um Jüterbog. Angesichts der Lage der Burg im offensichtlich zeitweise strittigen Grenzgebiet zwischen den Besitzungen des Magdeburger Erzbischofes im Jüterboger Raum und der Askanier in der Zauche muss man ihr trotz der nur relativ kurzzeitigen Existenz doch eine bedeutende politische und militärische Funktion in der Frühzeit der deutschen Ostexpansion zuschreiben.

 

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel: Kersting, Thomas: Die Burg von Luckenwalde am Niederen Fläming, Brandenburg: Bodendenkmalpflege und Landesgeschichte. In: Päffgen, Bernd / Pohl, Ernst / Schmauder, Michael (Hrsg.): „Cum Grano Salis“. Festschrift für Volker Bierbrauer zum 65. Geburtstag. Friedberg 2005, S. 331-338.

Quellen

Helmoldt von Bosau: Slawenchronik. Hrsg. von Heinz Stoob (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr-v. Stein-Gedächtnisausgabe Bd. A 19). Darmstadt 1963.

Literatur

Brather, Sebastian: „Germanische“, „slawische“ und „deutsche“ Sachkultur des Mittelalters – Probleme ethnischer Interpretation. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 37.2 (1996), S. 177-216.

Brather, Sebastian: Dobrilug, Zinna, Lehnin, Chorin. Die hochmittelalterliche Siedlungsentwicklung im Umfeld von Zisterzienserklöstern im ostelbischen Kolonisationsgebiet. In: Citeaux 48 (1997), S. 17-80.

Brather, Sebastian: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde; 30). Berlin 2001.

Grebe, Klaus / Gustavs, Sven: Beobachtungen am slawischen Burgwall von Luckenwalde, Bezirk Potsdam. In: Ausgrabungen und Funde 22 (1977), S. 88-93.

Grebe, Klaus / Heine, Lutz: Ausgrabungen auf der mittelalterlichen Burg von Luckenwalde. In: Ausgrabungen und Funde 34 (1989), S. 96-100.

Herrmann, Joachim: Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle Gross-Berlins und des Bezirkes Potsdam. Handbuch vor- und frühgeschichtlicher Wall- und Wehranlagen. Teil 2 (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Schriften der Sektion für Vor- und Frühgeschichte; 9). Berlin 1960.

Herrmann, Joachim: Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert; ein Handbuch (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR; 14). Berlin 1985.

Herrmann, Joachim: Burgen und Befestigungen des 12. und 13. Jahrhunderts in landesherrlicher Territorialpolitik und bäuerlicher Siedlung in der weiteren Umgebung von Berlin. In: Zeitschrift für Archäologie 20 (1986), S. 201-235.

Janensch, P.: Die slawische Besiedlung im Gebiet von Plane, Nuthe, Nieplitz und unterer Spree vom 7. bis 12. Jahrhundert auf archäologischer Grundlage. Diplomarbeit Sektion Geschichte der Humboldt-Universität Berlin 1985.

Kersting, Thomas: Slawen in Havelland und Zauche. In: Potsdam, Brandenburg und das Havelland. Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland Bd.37, 2000, S. 105-122.

Kersting: Thomas: Slawen im „Gau Ploni“. In: Festschrift 1000 Jahre Beelitz, 1997, S. 11-15.

Kersting, Thomas: Slawenzeitliche Burgwälle in Brandenburg. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2003. Stuttgart 2004, S. 36-44.

Mangelsdorf, Günter: Abriss der Besiedlungsgeschichte des Niederen Flämings. In: Schlimpert, Gerhard: Die Ortsnamen des Kreises Jüterbog-Luckenwalde. Brandenburgisches Namenbuch Teil 7. Weimar 1991.

Werner, Joachim: Sporn von Bacharach und Seeheimer Schmuckstück. In: Otto, Karl-Heinz (Hrsg.): Siedlung, Burg und Stadt: Studien zu ihren Anfängen. Paul Grimm zum 60. Geburtstag (= Schriften der Sektion für Vor- und Frühgeschichte 25=. Berlin 1969, S. 497-506, hier: 497 m.Taf.26a.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 Karte, Bearbeitung M. Härtel, BLDAM 2005.

Abb. 2 Materna, Ingo / Ribbe, Wolfgang (Hrsg): Brandenburgische Geschichte. Berlin 1995, S. 90.

Abb. 3 BLDAM.

Abb. 4 K. Grebe / O. Brauer.

Abb. 5 O. Brauer 2005.

Abb. 6 Werner 1969, Taf. 26a.

Empfohlene Zitierweise

Kersting, Thomas: Burg Luckenwalde - Bodendenkmalpflege und Landesgeschichte, publiziert am 21.03.2024; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Ur- und Frühgeschichte - Zeit der Askanier - Spätes Mittelalter
Themen: Archäologie und Siedlung