Rössener Kultur (4700–4500/4400 v. Chr.)

Günter Wetzel

Gruppen / Kulturen der Jungsteinzeit im Gebiet des heutigen Brandenburg

Frühneolithikum (um 5200–4000/3800 v. Chr.)

-> Friesack-Boberger Gruppe / Kultur

-> Linienbandkeramik

-> Stichbandkeramik / Stichreihenkeramik

-> Rössener Kultur

-> Brześć Kujawski Gruppe / Guhrauer Gruppe

-> Michelsberger Kultur

-> Frühe Trichterbecherkultur

-> Baalberger Kultur

Mittelneolithikum (um 3800/3500–2800 v. Chr.)

-> Nordische Trichterbecherkultur

-> Übergangshorizont

-> Salzmünder Kultur

-> Uckermärkische Gruppe

-> Walternienburger Kultur

-> Altmärkische Tiefstichkeramik

-> Britzer Kultur

-> Waltersdorfer Gruppe

-> Havelländische Kultur

-> Fischbecker Gruppe der -> Schönfelder Kultur

-> Bernburger Kultur

-> Kugelamphorenkultur

Spätneolithikum (um 2800–2200/2000 v. Chr.)

-> Schnurkeramik

-> Einzelgrabkultur

-> Oderschnurkeramik

-> Schönfelder Kultur

-> Ammenslebener Gruppe der -> Schönfelder Kultur

-> Glockenbecherkultur

-> Dolchzeit / Aunjetitzer Kultur

 

Eine jüngere Phase der frühen Landwirte repräsentieren die Träger der nach einem Gräberfeld von Rössen bei Leuna in Mitteldeutschland benannten Rössener Kultur (Niquet 1937; ders. 1938). Ihre Keramik ist mit Schwerpunkten im Havelland, auf dem Flämingsattel (Eberhard 2007) und in der Uckermark (Berlekamp 1966) verbreitet (ähnlich der -> Linienband- sowie der -> Stichband- / Stichreihenkeramik), kommt aber nicht allzu häufig vor. Auch sie wird nach der ursprünglichen Herkunft der Siedler vom Balkan als „donauländische Kultur“ bezeichnet.

Durch Neufunde sind wir auch über die Wirtschafts-Tonware besser unterrichtet (Lehmphul 2015). Hauptform ist ein kugelbodiger Topf mit engerem Hals und ausschwingendem Rand (Abb. 1). Üblich ist eine teppichartig-flächige Einstichverzierung der Gefäßoberfläche, ergänzt durch schräge Kerben auf den Gefäßrändern. Die Verzierungen waren mit weißen oder roten Sedimenten (Kalk, Rötel) inkrustiert (Abb. 2). Die Steingeräteformen sind denen der Bandkeramik ähnlich, typisch ist eine schiefnackige Felsgesteinaxt (Abb. 3). Sie können ebenso wie Keulenköpfe aus Kalkstein oder Marmor als Waffe verwendet worden sein. Als typischer Schmuck dieser Zeit sind einige Armringe aus marmorartigem Kalkstein bekannt, deren Herkunft vom Flussgebiet der Sazava im heutigen Tschechien vermutet wird (Zápotocká 1984; Ehling/Hoffmann/Wetzel im Druck) (Abb. 4, 5).

Bei Dyrotz (Landkreis Havelland) wurde ein Brunnen aus einem hohlen Eichenstamm freigelegt, der mehrere weitgehend unverzierte Gefäße und ein Axtbruchstück enthielt (Wetzel/Babiel 2016) (Abb. 2, 6, 7). Spuren einer Siedlung mit möglicherweise kultisch anzusehender Niederlegung von Rinderhornzapfen und Geweihresten in einer großen Grube wurden am gegenüberliegenden Ufer der Wublitzrinne bei Wustermark (Landkreis Havelland) ausgegraben (May 2001, 545) (Abb. 8). Ausweislich weniger Funde war die Landwirtschaft der Haupternährungszweig (Teichert 1974; Lehmphul 2015). Grabfunde sind bisher nur aus der Uckermark bekannt, ohne dass etwas Genaueres überliefert ist (Grünow: Gandert 1941). Die Toten wurden in Hocklage (Schlafhaltung) mit verschiedener Variation und Ausrichtung bestattet (Fischer 1956).

Literatur

Berlekamp, Hansdieter: Die Einflüsse des donauländischen Kulturkreises der jüngeren Steinzeit auf das Odermündungsgebiet. Ungedr. Phil. Diss. Halle 1966.

Eberhardt, Gisela: Zur Neolithisierung einer brandenburgischen Kleinregion. In: Archäoprognose Brandenburg II. (= Forschungen zur Archäologie im Land Brandenburg, 10). Wünsdorf 2007, S. 9–110.

Ehling, Angela / Hoffmann, Andrea / Wetzel, Günter: Gesteins-Untersuchungen mit Naher Infrarotspektroskopie an rössenzeitlichen Marmorarmringen und Keulen zur Frage der Herkunft. In: Acta Praehistorica et Archaeologica (im Druck).

Fischer, Ulrich: Die Gräber der Steinzeit im Saalegebiet (= Vorgeschichtliche Forschungen, 15). Berlin 1956.

Gandert, Otto Friedrich: Die Marmorarmringe von Grünow, Kreis Prenzlau. In: Heimatkalender Kreis Prenzlau 1941, S. 125–127.

Lehmphul, Ralf: Durch Getreidekörner datiert. Inventare der Rössener und Britzer Kultur in Selchow, Lkr. Dahme-Spreewald. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2013. Darmstadt 2015, S. 52–55.

May, Jens: Die Siedlungskammer im Güterverkehrszentrum bei Wustermark – Bodendenkmalschutz und siedlungsarchäologische Forschungen entlang der Wublitzrinne. In: Denkmalpflege im Land Brandenburg 1990-2000. Berichte des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums. Bd. 2. Worms 2001, S. 543–547.

Niquet, Franz: Die Rössener Kultur in Mitteldeutschland (= Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder, 26). Halle 1937.

Niquet, Franz: Das Gräberfeld von Rössen, Kreis Merseburg. Halle 1938.

Teichert, Lothar: Tierknochenreste aus einer Rössener Siedlung bei Flemsdorf, Kr. Angermünde. In: Ausgrabungen und Funde 19 (1974), S. 120–123.

Wetzel, Günter / Babiel, Kerstin: Der Rössener Brunnen von Dyrotz 37, Lkr. Havelland, und sein Umfeld. In: Veröffentlichungen der brandenburgischen Landesarchäologie 47 (2016), S. 79–108.

Zápotocká, Marie: Armringe aus Marmor und anderen Rohstoffen im jüngeren Neolithikum Böhmens und Mitteleuropas. In: Památky Archeologické 75/1 (1984), S. 50-130.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 BLDAM, Foto D. Sommer.

Abb. 2 BLDAM, Foto G. Wetzel.

Abb. 3 Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: BLDAM, D. Sommer.

Abb. 4 Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, ehem. Märkisches Museum Berlin, Foto: Märk. Museum, Foto n. Gandert 1941.

Abb. 5 Foto G. Wetzel.

Abb. 6 Foto: BLDAM, Fa. L.A.N.D. nach Wetzel/Babiel 2016.

Abb. 7 Foto: BLDAM, Fa. L.A.N.D. nach Wetzel/Babiel 2016.

Abb. 8 BLDAM, Fa. L. A. N. D.

Empfohlene Zitierweise

Wetzel, Günter: Rössener Kultur (4700–4500/4400 v. Chr.), publiziert am 06.03.2019; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Frühzeit
Themen: Archäologie und Siedlung 


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