Glockenbecherkultur (um 2400–2000/1900 v. Chr.)

Günter Wetzel

Gruppen / Kulturen der Jungsteinzeit im Gebiet des heutigen Brandenburg

Frühneolithikum (um 5200–4000/3800 v. Chr.)

-> Friesack-Boberger Gruppe / Kultur

-> Linienbandkeramik

-> Stichbandkeramik / Stichreihenkeramik

-> Rössener Kultur

-> Brześć Kujawski Gruppe / Guhrauer Gruppe

-> Michelsberger Kultur

-> Frühe Trichterbecherkultur

-> Baalberger Kultur

Mittelneolithikum (um 3800/3500–2800 v. Chr.)

-> Nordische Trichterbecherkultur

-> Übergangshorizont

-> Salzmünder Kultur

-> Uckermärkische Gruppe

-> Walternienburger Kultur

-> Altmärkische Tiefstichkeramik

-> Britzer Kultur

-> Waltersdorfer Gruppe

-> Havelländische Kultur

-> Fischbecker Gruppe der -> Schönfelder Kultur

-> Bernburger Kultur

-> Kugelamphorenkultur

Spätneolithikum (um 2800–2200/2000 v. Chr.)

-> Schnurkeramik

-> Einzelgrabkultur

-> Oderschnurkeramik

-> Schönfelder Kultur

-> Ammenslebener Gruppe der -> Schönfelder Kultur

-> Glockenbecherkultur

-> Dolchzeit / Aunjetitzer Kultur

 

Nach dem glockenförmigen Becher, der hauptsächlich vorkommenden Gefäßform, wurde diese Kulturgruppe bezeichnet. Sie kommt von Spanien bis nach Dänemark, Ungarn und Südpolen sowie im Land Brandenburg im Havelland, in der Prignitz und in der Uckermark vor. In der Niederlausitz ist sie erstmals mit einem Nachweis bei Kahren, heute ein Ortsteil von Cottbus, vertreten. Für Mitteldeutschland gibt es eine aktuelle Vorlage und Auswertung des Fundstoffes durch Hille (2012), die brandenburgischen Funde wurden durch Wetzel (1976) zusammengetragen. Im Havelland häufen sich neuerdings Keramik-Einzelfunde dieser Kultur. Neben dem Becher sind bauchige Schalen vorhanden, die auch vier Füßchen haben können. Tassen sind hier kaum nachgewiesen, sie leiten zur frühen Bronzezeit über. Neuerdings sind auch atypische Gefäßformen und -verzierungen bekannt (Wustermark, Lkr. Havelland: Schwarzländer 2018). Oft sind die Becher tiefrot vom Brand gefärbt und gut poliert (Herzsprung, Lkr. Uckermark: Leube 1995) (Abb. 1). Die gedrungene Gefäßform und die Verzierungsart in horizontalen Verzierungsbändern, die metopenartig untergliedert sein können, verbindet viele hiesige Funde mit der dänischen Myrhoj-Gruppe (Liversage 2003). Die Verzierungen sind entweder mit einem Kammstempel oder mit feinen Stichgeräten in den noch weichen Ton eingedrückt, seltener sind Ritzverzierungen oder gar die Verwendung von Schnur (Wustermark 22 / Landkreis Havelland: Schwarzländer 2018) (Abb. 2).

Das Besondere dieser Kultur ist die Art der Bewaffnung: Durch dreieckige Feuersteinpfeilspitzen und Armschutzplatten sind sie als Bogenschützen ausgewiesen. Daneben sind Dolche aus randlich retuschierten Feuersteinklingen, hin und wieder auch kleine Kupferdolche nachgewiesen. Selten sind halbzylindische Bernsteinperlen mit V-förmiger Durchbohrung von der Flachseite aus (Lanz / Landkreis Prignitz: Wetzel 1976) und bogenförmige verzierte Knochenanhänger, die vielleicht den Bogen symbolisieren (Battin / Landkreis Uckermark: Raddatz 1952). Gestielte Ringanhänger sind anderswo für diese Kultur nachgewiesen, in Brandenburg kommen sie nur in einer Bestattung der -> Einzelgrabkultur vor (Schönfeld / Landkreis Prignitz; Bohm 1937); typisch sind sie für die -> Schönfelder Kultur (Wetzel 1979).

Für Körpergräber mit Ausrichtung Nord-Süd ist die Lage des Gesichtes nach Osten typisch, seien es linke Hockerbestattungen mit Kopf im Norden, die für Männer nachgewiesen sind, oder rechte Hockerbestattungen mit Kopf im Süden, die für eine weibliche Bestattung sprechen (Fischer 1956). Ausnahmen sind möglich. Bei Wustermark wurde eine Grab freigelegt, in der unten ein Mann, darüber ein Jugendlicher und obenauf eine Frau in gehockter Schlafstellung auf der rechten Seite übereinander begraben waren. Die Köpfe lagen im Süden, das Gesicht nach Osten gewendet (Abb. 3). Neben sechs Gefäßen, fünf Feuersteinpfeilspitzen und einer halben Armschutzplatte lagen in der Dreifachbestattung sechs Goldringe, die sich unterschiedlich auf die Bestatteten zuordnen ließen (Schwarzländer 2018) (Abb. 4). Goldringe dieser Art, als Noppenringe oder Lockenringe bezeichnet, wurden mit den beiden Enden zusammengedreht und doppelt gelegt zu einem Ring mit übergreifenden Enden gebogen (Meller 2014). Es ist offenbar Schläfen-Haarschmuck, wie die Lage am Schädel nahelegt (Abb. 5). Brandbestattung könnte bei einem Grab von Kleptow (Landkreis Uckermark) vorliegen (Wetzel 1976). Im Havelland sind auch die seltenen Siedlungen nachweisbar, aber noch nicht näher erforscht.

Literatur

Agthe, Markus: Bemerkungen zu Feuersteindolchen im nordwestlichen Verbreitungsgebiet der Aunjetitzer Kultur. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsische Bodendenkmalpflege 33 (1989), S. 15–113.

Fischer, Ulrich: Die Gräber der Steinzeit im Saalegebiet (= Vorgeschichtliche Forschungen, 15). Berlin 1956.

Leube, Achim: Steinpflaster auf Knüppelrost. Neue erfolgreiche Untersuchungen in Herzsprung, Landkreis Uckermark. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 1993-1994. Stuttgart 1995, S. 86–87.

Liversage, David: Bell Beaker Pottery in Denmark – its typology and internal Chronology. In: Czebreszuk, Janusz / Szmyt, Marzena (Hrsg.): The Northeast Frontier of Bell Beakers (= BAR International Series, 1155). Oxford 2003, S. 39–49.

Meller, Harald: Die neolithischen und bronzezeitlichen Goldfunde Mitteldeutschlands – Eine Übersicht. In: Meller, Harald / Risch, Roberto / Pernicka, Ernst (Hrsg.): Metalle der Macht – Frühes Gold und Silber. 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale) (= Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, 11/II). Halle/Saale 2014, S. 611–716.

Müller, Johannes: Zur Radiocarbondatierung des Jung- bis Endneolithikums und der Frühbronzezeit im Mittelelbe-Saale-Gebiet (4100–1500 v. Chr.). In: Bericht der Römisch Germanischen Kommission 80 (1999/2001), S. 31–90.

Raddatz, Klaus: Funde der Glockenbecherkultur von Battin, Kr. Prenzlau. In: Germania 30 (1952), S. 379–381.

Rassmann, Knut: Spätneolithikum und frühe Bronzezeit im Flachland zwischen Elbe und Oder. (= Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns, 28). Lübstorf 1993.

Rassmann, Knut: Glockenbechereinflüsse und regionale Gliederung Nordostdeutschlands im Spätneolithikum. In: Czebreszuk, Janusz / Szmyt, Marzena (Hrsg.): The Northeast Frontier of Bell Beakers (= BAR International Series, 1155). Oxford 2003, S. 85–100.

Schwarzländer, Silke: Neolithische bis frühbronzezeitliche Siedlungs- und Grabbefunde am Rande des Havelkanals. In: Veröffentlichungen der brandenburgischen Landesarchäologie 48 (2018), S. 69–85.

Wetzel, Günter: Funde der Glockenbecherkultur östlich der Elbe auf dem Gebiet der DDR. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 10 (1976), S. 55–74.

Abbildungsnachweis

Abb. 1 BLDAM, Foto D. Sommer.

Abb. 2 Nach Schwarzländer 2018, Abb. 12.

Abb. 3 Nach Schwarzländer 2018, Abb. 6.

Abb. 4 BLDAM, Foto D. Sommer.

Abb. 5 BLDAM, Foto S. Schwarzländer.

Empfohlene Zitierweise

Wetzel, Günter: Glockenbecherkultur (um 2400–2000/1900 v. Chr.), publiziert am 02.05.2019; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de (TT.MM.JJJJ)

Kategorien

Epochen: Frühzeit
Themen: Archäologie und Siedlung 


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok